Zweifel, der Feind der Vorfreude

 

Noch 6 Tage habe ich im 19 Grad warmen Lissabon bevor es weitergeht. Nichts mehr mit „halben Tag arbeiten, halben Tag schreiben/recherchieren/explorieren“. Unwillkürlich frage ich mich, ob ich wirklich schon bereit bin, wieder voll ins stressige Berufsleben einzusteigen und meine Schreibprojekte stark zu verlangsamen.

Mich beschleichen die ersten Zweifel, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Irgendwo in meinem Hinterkopf flüstert ein kleines Stimmchen Lernst du nicht aus deinen Fehlern?

 

Angst, die falsche Entscheidung getroffen zu haben

 

Hast du den richtigen Ort gewählt?

Wenn ich an meine Fehlentscheidungen in den letzten zwei Jahren denke, fällt mir sofort mein Vorhaben ein, in ein Land zu ziehen, in dem ich vorher noch nie gewesen war (Mehr dazu hier).

 

Habe ich daraus gelernt? Ja.

Nicht umsonst bin ich die letzten Monate durch Europa gereist,

um mir einen Eindruck von verschiedenen Orten zu machen.

 

Nach Irland wusste ich nicht, wo ich in Deutschland wohnen möchte und habe mich für Kiel entschieden. Aus zwei Gründen: Um mehr Zeit mit meiner Schwester und ihrer Familie verbringen zu können und weil die Stadt (fast) am Meer liegt.

 

Hast du die richtige Arbeitsstelle gewählt?

Eine falsche Entscheidung war es, in Kiel einen Job aus rein finanziellen Gründen anzunehmen. Ein Job, vor dem ich sogar gewarnt wurde. Absolut falsche Entscheidung (Mehr dazu hier). Würde ich nicht noch einmal machen.

 

Auf das Bauchgefühl hören

Ich habe immer gesagt, ich würde nie nach Kiel ziehen, weil es mir zum Leben dort nicht gefällt. Hab’s trotzdem gemacht und die Rechnung dafür bekommen.

In Schweden wurde ich daran erinnert, dass es wichtig ist, auf sein Bauchgefühl zu hören. Ich nahm mir vor, mehr meiner Intuition zu folgen.

 

Und nun ziehe ich an genau den Ort,

von dem mir mein Bauchgefühl abrät und ich frage mich,

warum lernst du nicht aus deinen Fehlern?

 

Weil Zürich nicht Kiel ist. Zürich ist schön. Und bietet genau die Voraussetzungen, die ich brauche, um mein langfristiges Vorhaben umsetzen zu können.

Lernst du nicht aus deinen Fehlern?  fragt die Stimme erneut.  Doch habe ich. Wenn es mir in der Schweiz nicht gefällt, werde ich wegziehen und nicht, wie in Kiel, eineinhalb Jahre vor mich hin dümpeln.

 

Bürokratischer Wahnsinn. Willst du das wirklich?

Die ersten bürokratischen Schritte, um in die Schweiz zu ziehen, habe ich bereits in Angriff genommen und bin kläglich gescheitert.

 

Manche Dinge, wie sich vor dem ersten Arbeitstag bei der Einwohnerkontrolle anmelden und einen Mietvertrag vorlegen müssen, obwohl man noch gar keine Wohnung hat…

 

Klingt kompliziert? Ist es.

All das erinnert mich ungemein an meinen Einwanderungsversuch nach Kanada, der eine tiefe Wunde hinterlassen hat (Mehr dazu hier). Das war auch eine holprige Straße. Will ich da wirklich nochmal durch?

Die Schweiz ist nicht Kanada.

 

Verrückt, wie sehr einen negative Erfahrungen beeinflussen können.

Ich höre das kleine Stimmchen in meinem Hinterkopf und stelle es ab.

Bringt ja nichts, ständig zu zweifeln.

 

Zürich ist nicht Kiel. Und die Schweiz ist nicht Irland oder Kanada. Punkt.

 

Pflicht erfüllen vs. Leidenschaft nachgehen

Ich begebe mich zurück ins System, melde mich bei allen möglichen Stellen an, arbeite und setze (wieder einmal) die Ideen anderer um.

Erstaunlich, wie sehr einen Sozialisation, Erziehung und Bildung prägen. Konnte ich die letzten Monate vollends genießen mit nur ein paar Stunden arbeiten und den Rest des Tages meinen Leidenschaften nachgehen? Nein, nicht wirklich. Oft hatte ich das Gefühl, mehr machen zu müssen. Hatte das Gefühl, nicht zu lange „außerhalb des Systems“ agieren zu dürfen.

 

Aber so lange ich noch keinen detaillierten Plan ausgearbeitet habe, wie ich meine beruflichen Ideen umsetzen kann, muss erst einmal die Grundlage dafür schaffen. Und das heißt: Angestellt sein, Pflicht erfüllen und in meiner Freizeit meinen Leidenschaften #1 und #3 nachgehen.

 

Leidenschaft # 1: Schreiben

In den letzten Wochen war mein Schreibfluss wirklich gut. Ein bisschen ärgerlich ist es schon, dass ich bald nicht mehr die Freiheit habe wie jetzt.

 

Natürlich frage ich mich: Hätte ich erst mein Buchprojekt fertig schreiben sollen?

 

Aus Erfahrung weiß ich, dass ich nach einem neunstündigen Arbeitstag im Kindergarten abends nicht mehr die Energie und Konzentration haben werde, zu schreiben. Das Trostpflaster? Ich habe einen Tag in der Woche frei. Aber so war das ja auch schon in Kiel und wie hat das funktioniert? Ich habe meinen freien Tag damit verbracht, nach anderen Jobs zu gucken.

 

Leidenschaft # 2: Pädagogik

Ich liebe meinen Beruf und würde ihn gegen nichts in der Welt eintauschen. Ich mag es mit Menschen zu arbeiten, insbesondere mit Kindern. Ich bin eine totale Idealistin und glaube daran, mit kleinen Impulsen und winzigen Schritten die Welt verändern zu können.

 

Leidenschaft # 3: Reisen

Jetzt, am Ende meiner Reise denke ich: Eigentlich gefällt es mir ganz gut, nicht das ganze Jahr über an einem Ort zu sein, sondern auch woanders zu arbeiten. Also wie baue ich das in meine anderen beiden Leidenschaften ein?

 

Nomadenleben führen? Warum nicht?

‚Nomadenleben‘ heißt ja nicht unbedingt, jeden Monat woanders zu sein.

 

Fazit

Zwar hatte ich schon vorher diesen Gedanken, doch jetzt, nachdem ich wieder ein paar Monate unterwegs war, kommt mir mein „Lebensmodell B“ noch attraktiver vor.

 

Was „Lebensmodell B“ ist? Vier bis fünf Monate (Frühling bis Sommer) Projektarbeit an Ort X, dann zwei Monate recherchieren, reisen und schreiben (Sommer), danach weitere drei Monate Projektarbeit an Ort X (Herbst bis früher Winter) und ein bis zwei Monate (Winter) auf der anderen Seite der Welt.

 

Und „Lebensmodell A“? Freiberuflich arbeiten und eigene Ideen umsetzen.

Erstaunlicherweise läuft es aber (wieder einmal) auf Lebensmodell C heraus: Geld verdienen und Pflicht erfüllen.

 

Lernst du nicht aus deinen Fehlern? Du wolltest schon seit 2016 raus aus Lebensmodell C.

Doch dann habe ich mich für zwei Weiterbildungen (Kreatives Schreiben und Wildnispädagogik) und Reisen entschieden und mein Geld darein investiert. Wichtige Schritte, die mir bei meinen Vorhaben helfen. Denn nicht nur Geld ist dafür wichtig, sondern auch Wissen.

 

Manches Wissen und einige Fähigkeiten, insbesondere im Bereich Wildnispädagogik, muss ich noch weiter ausbauen und dafür scheint mir die Schweiz ein wunderbarer Ort zu sein.

 

Und auch wenn ein paar Zweifel meine Vorfreude trüben, weiß ich, dass der Morgennebel sich lichten und die Sonne scheinen wird.

 

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