Tom (3/3)

„Ich bin vor allem viel gelassener. Ich plane weniger. Ich wage mehr“

Und noch ein Jahr später war ich soweit, dass ich mir vorstellen konnte ganz weit weg zu leben. Ich habe deswegen sogar meinen Waffenschein gemacht, damit ich mir mein Essen selber jagen kann.

Dort angekommen bin ich noch nicht. Ich habe noch kein Grundstück off the grid, habe noch keine Frau die mit mir das erlegte Moose auseinander nimmt, Kinder die im Homeschooling lernen wie man vom Land lebt, substituiere Cremes, Medizin und Gewürze durch Pflanzen der umgebenden Natur.

Aber ich habe den Stein ins Rollen gebracht, habe mir ein Buch gekauft über die Pflanzenwelt, halte Ausschau nach erschwinglichen Grundstücken, ordne meine Finanzen und habe einen besser bezahlten Job angenommen um dem Ziel näher zu kommen, gehe im Sommer wie im Winter campen und lerne die Natur, das Wetter und das Klima zu akzeptieren anstatt zu lamentieren wenn es ungemütlich ist.

Das Leben im Norden hat mich verändert. Ich habe mich auch persönlich weiterentwickelt. Ich bin vor allem viel gelassener. Ich plane weniger. Ich wage mehr. Ich bin zwar der Meinung, dass eine Entwicklung über die Jahre auch in Deutschland passiert wäre, aber dort in meinem alten Job hätte ich mich zu einem schlechteren Menschen weiter entwickelt durch Stress, Druck von Kunden und der Geschäftsleitung und der sich daraus ergebenden Resignation.

Das Leben darf nicht daraus bestehen das man sich auf die Rente freut. Es muss schon vorher Freude geben. Ich bin schlussendlich ja doch im Yukon geblieben. Aber wäre ich zwischendurch nicht weggegangen hätte ich Kiki nicht kennengelernt. Genau dort hatte ich auch Wenke und Phillip kennengelernt, die durch mich ein paar Monate später im Yukon besucht haben.

Ich habe allein in diesen wenigen Wochen in Vancouver noch weitere Menschen kennengelernt die noch heute mit mir Kontakt haben. Und noch etwas ist passiert: Ich habe Sebastian wieder getroffen. Sein Jahr in Kanada war zu Ende, und vor seiner Abreise nach Argentinien war er wieder in Vancouver. Wir gingen zusammen auf den Weihnachtsmarkt, und wir hatten viel Spaß.

Einige Monate später schrieb seine Schwester, dass er verstorben ist. Er war Anfang 20. Bis heute posten Freunde zu seinem Geburtstag auf seinem Facebook Profil das sie ihn vermissen. Ohne mein Cabin Fever hätte ich ihn nie wieder gesehen. Diese Kette von Ereignissen ist manchmal schwer zu verstehen.

Ich habe die Gabe Menschen begeistern zu können wenn ich erzähle. Schlussendlich kann ich es vielleicht so ausdrücken, dass ich meine guten und schlechten Erfahrungen bereit bin zu teilen, davon zu erzählen. Und so kann ein jeder daraus Lehren für sich selber ziehen wenn er/sie will.

Wo mich mein Weg noch hinbringen wird, wird die Zeit zeigen. Und die tickt im Yukon etwas langsamer als an anderen Orten. Nur eines ist sicher:

Meine Reise durch das Leben soll noch nicht zu Ende sein. Aber die findet im neuen Leben statt, nicht mehr im alten.

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