Natur- und Wildnispädagogik # 4: Sitzplatzarbeit

Im Juli unterhielt ich mich mit einem Mitpraktikanten darüber, wie man Wildnispädagogik noch nutzen kann außer den „klassischen“ Projekten mit Kindern und Jugendlichen. In den letzten Wochen habe ich mich viel mit dem Thema beschäftigt (und weil es unsere Hausaufgabe war regelmäßig Sitzplatzarbeit zu machen) und ich muss sagen, Sitzplatzarbeit ist ein wunderbares Instrument für Menschen, die zwar gerne in der Natur sind, aber nicht das volle „Wildnis/Survival“ Programm durchziehen möchten. Sitzplatzarbeit ist wunderbar für alle, die wieder mehr Natur erleben wollen. Vor allem ist Sitzplatzarbeit aber auch für Jene, die Auszeiten brauchen und dem stressigen Alltag entfliehen wollen.

 

Was ist Sitzplatzarbeit?

Sitzplatzarbeit im Sinne von Jon Young (Buch: „Coyote Guide“) wird vor allem in der Wildnispädagogik genutzt, um zum einen Menschen einen Zugang zur Natur zu bieten und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich mit Natur zu verbinden.

 

In Kanada hörte ich das erste Mal von Sitzplatzarbeit. Eine unserer Praktikantinnen im Kindergarten erzählte uns davon.

Wir gingen mit den Kindern (3-5 Jährige) in den Wald und suchten einen ruhigen Ort. Jedes Kind wählte einen Platz. Dann saßen wir still und konzentrierten uns auf unsere Umgebung. Die Kinder saßen zu Beginn ca. 30 Sekunden still bis das Erste anfing zu reden, beim dritten oder vierten Mal schafften sie es schon zwei Minuten. Wir saßen danach zusammen und redeten darüber, was wir gesehen und gehört haben.

 

Sitzplatzarbeit ist auch Teil meiner Ausbildung zur Wildnispädagogin. In den letzten Wochen habe ich  versucht, einmal wöchentlich Sitzplatzarbeit zu machen. Das war nicht immer einfach, da ich momentan reise und jedes Mal einen neuen Ort erkunden musste, um dort einen Sitzplatz zu machen.

 

Wie praktiziere ich Sitzplatzarbeit?

 

Regelmäßigkeit: Einmal wöchentlich

Wichtig ist, dass ihr regelmäßig geht. Das ist wie mit Sport: Wenn ihr fitter werden wollt, kommt ihr nicht drum herum regelmäßig zu trainieren. In der Sitzplatzarbeit trainiert ihr eure Sinne, also rafft euch auf bei egal welchem Wetter, es muss ja keine Stunde im strömenden Regen sein 😉

 

Zeitlicher Rahmen: 30-60 Minuten

Jeder tickt anders. Manchen Erwachsenen fällt es nicht schwer eine Stunde still zu sitzen, manche bewegen sich bereits nach fünfzehn Minuten. Fangt klein an, nehmt euch nicht zu viel vor und übt jedes Mal, ein wenig länger zu sitzen.

 

Ort: In der Natur + Wohlfühlfaktor

Der nahgelegene (!) Wald, ein ruhiger Park, eine Wiese, ein Feld oder euer Garten – alles in der Natur geht, solange ihr nicht unentwegt von Autos oder Spaziergängern unterbrochen werdet. Streift ein wenig umher bevor ihr euch an einem x-beliebigen Platz hinsetzt. Versucht in euch hineinzuhorchen, was euch euer Gefühl sagt. Fühlt ihr euch zu einem Ort besonders hingezogen, dann habt ihr euren Sitzplatz gefunden.

 

Ablenkungen: Smartphone und Essen

Einmal in der Woche für 30 bis 60 Minuten das Smartphone zu Hause lassen wird doch wohl gehen, oder? Und ein Sitzplatz ist nicht zu verwechseln mit einem Picknick, snacks bleiben zu Hause – auch wenn der Film der Natur durchaus Kino-Effekt haben kann 😉

 

Materialien: Unterlage und Regenschutz

Ich nehme meist eine Sitzunterlage mit, damit ich auf jeden Untergrund sitzen kann und nichts unangenehm piekst oder nass wird. An wolkigen Tagen empfiehlt sich eine Regenjacke und Regenhose – auch bei leichtem Regen kann man an seinem Sitzplatz sein 😉

 

Einstimmung auf dem Weg zum Sitzplatz

Ich versuche mich schon auf meinem Weg zum Sitzplatz darauf einzustellen, versuche ruhig und gleichmäßig zu atmen und meine Gedanken zu klären, höre ruhige Musik oder achte einfach nur auf meine Umgebung.

 

Optional: Tagebuch

Wenn ihr verfolgen wollt, wie es euch nach der Sitzplatzarbeit geht, schreibt es auf!

 

Sinne schulen

Wenn ihr mit Sitzplatzarbeit anfangt, empfehle ich euch, euch zunächst auf eure Sinne zu konzentrieren. Fangt klein an, beschränkt euch auf einen Sinn bis ihr euch sicher fühlt und die anderen Sinneseindrücke ausblenden könnt.

Hören

Lauscht dem Gesang der Vögel. Wie hören sich Bäume im Wind an? Hört ihr das Trampeln des Eichhörnchens? 😉 (siehe hier)

Sehen

Schaut neben euch, unter euch, rechts und links und geradeaus. Seht die Details und seht das Gesamtbild.

Fühlen

Vergrabt eure Finger in der Erde neben euch, streicht über ein Blatt, einen Stock, nehmt einen Stein in die Hand und erfühlt seine Oberfläche. Wie fühlt es sich an?

Schmecken

Atmet durch den Mund ein und schmeckt den Geruch. Probiert auch ruhig ein wenig Erde, leckt an einem Stein, beißt ein Stückchen von einem Blatt ab und erkundet, wie Natur schmeckt.

Riechen

Riecht an der Rinde des Baumes an dem ihr lehnt. Nehmt Erde in die Hand, ein Blatt, einen Stein und riecht daran. Atmet tief ein und nehmt die feinen Nuancen auf, die vom Gegenstand eures Interesses ausgehen.

 

Ziele von Sitzplatzarbeit

 

Erstes Ziel: Zugang zu Natur

Wie oben bereits erwähnt, geht es in erster Linie bei Sitzplatzarbeit vor allem darum, Natur nahe zu sein bzw. sich mit Natur zu verbinden. Es geht aber auch darum, sensibler für seine Umgebung zu werden, Zusammenhänge zwischen Natur und Mensch zu verstehen, um so achtsamer mit Umwelt umzugehen.

 

Achtsamkeit und Wahrnehmung

Wie bei einem Body Scan auch, wird sich während der Sitzplatzarbeit auf einen bestimmten Bereich des Körpers konzentriert: Die Sinne. Im Sinne eines Senses Scan wird somit die Achtsamkeit für den eigenen Körper und Geist geschult, die Wahrnehmung für sich und seine Umwelt steigt und ein Gefühl von „eins sein“ kann entstehen.

 

Stressabbau

Sitzplatzarbeit kann aber auch verwendet werden, um dem Alltag zu entfliehen und Stress abzubauen. Im Wald klingelt kein Telefon (nicht, wenn ihr keins dabei habt!), die Waschmaschine piept nicht und will ausgeräumt werden, also lasst den Alltag hinter euch!

Das stille Sitzen während der Sitzplatzarbeit kann einen meditativen Effekt haben (wundert euch nicht, wenn ihr am Anfang eventuell eindöst). Euer Atem verlangsamt sich, euer Körper entspannt, nach einiger Zeit seid ihr wach und hochkonzentriert ohne verkrampft zu sein.

 

Sich mit dem inneren Kind verbinden

So viele kleine Dinge in unserer Umgebung entgehen unserer Wahrnehmung. Wenn wir an unserem Sitzplatz sind, fallen uns Dinge auf, die wir zuvor nie gesehen oder aber vergessen haben. Sitzplatzarbeit bedeutet auch: Mit den neugierigen Augen eines Kindes die Welt auf’s Neue erkunden und staunen!

 

Effekte im Alltag

Oft ist unser Alltag überlastet von typischen Stadtgeräuschen und Natur kann in Vergessenheit geraten. Doch bereits nach ein paar Sitzplätzen werdet ihr merken, dass ihr den Vogelgesang mitten in der Innenstadt wieder wahrnehmt oder ihr seht die grünen Gräser zwischen dem Kopfsteinpflaster. Mit Sicherheit wird dies euch an euren Sitzplatz erinnern und an das gute beruhigende Gefühl, das ihr dabei verspürt.

 

Worauf wartet ihr noch?

Zieht los und sucht euch einen Sitzplatz!

Viel Spaß 🙂

 

PS: Bei einem meiner Sitzplätze ist ein Baummarder keine zwei Meter hinter mir entlang gelaufen und hat mich erst bemerkt, als meine Regenjacke ein Geräusch machte als ich mich umgedreht habe, weil ich seine Präsenz gespürt habe. Also seid auch darauf gefasst, zu staunen!

 

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