Schattenfeuer

Er starrte in die Flammen. Es hatte ihn verändert. Stücke seines Selbst waren brüchig geworden, schmale, schwarze Risse durchzogen sein Inneres.

Es gab kein Zurück mehr. Der Bruch war unumkehrbar. Er war sich der Gefahr bewusst bevor er hindurch ging. Wusste, dass es ihn verändern würde.

Doch hatte er nicht mit der dunklen Seite des Schattenfeuers gerechnet. Die Seite, die ihn in Stücke reißen würde.

 

Merlon stand auf und atmete aus. Sein Blick schweifte über die Anhöhe, auf der er sein Lager aufgeschlagen hatte. Am fernen Horizont blitzte ein Licht auf und erleuchtete die grauen Wolken. Ein rotes Leuchten schimmerte über den Baumkronen des in der Dunkelheit liegenden Waldes.

„Unheilvoll“, dachte er und kniff die Augen zusammen.

 

Schwarze Reiter löste sich aus den undurchdringlichen Schatten und ritt auf die unter ihm liegende Ebene. „Sie kommen.“

Er löschte die Flammen und warf seinen Mantel über. Nur seine Augen waren unter der Kapuze zu sehen, dunkel mit einem winzigen Funken, der rot leuchtete.

Rot wie die Flammen des Schattenfeuers.

 

„Der Entfachte ist nicht fern, die Glut ist noch warm. Seine Spuren führen nach Norden, ins Nirgendland. Er darf die Grenze nicht erreichen, sonst ist alles verloren.“

 

Merlon hörte seine Stimme als wäre es sein eigener Gedanke. Er war nun ein Teil von ihnen. „Nicht ganz. Noch nicht“, dachte er grimmig.

Er schaute umher. Dort, durch die hohen Büsche würden die Pferde es schwer haben. Die Dornen an den Zweigen schnitten ihm ins Fleisch als der Krieger sich seinen Weg durch das dichte Gestrüpp bahnte. Er spürte es nicht.

 

Die Empfindungen für seinen sterblichen Körper waren erloschen seit er durch die Flammen gegangen war. Zum ersten Mal fiel ihm dieser Umstand auf als sein Pferd mit den Hufen nach ihm schlug und an seinem rechten Arm die Haut aufplatzte. Blut war in einem großen Schwall herausgeschossen.

Mit Verwunderung hatte er seinen milchig weißen Knochen betrachtet und keinen Schmerz verspürt. Doch dann hatte das Brennen eingesetzt. Ihm war gewesen als schossen Flammen durch seinen Körper und dann war ein schwaches Leuchten in seinen Knochen aufgeblitzt.

 

Merlon hatte mit Entsetzen auf seinen Arm gestarrt als die Wunde sich langsam schloss und das Blut versiegte. „Das hat das Schattenfeuer also mit mir gemacht“.

Er nahm sein Schicksal an. Er wusste, dass sein Leben nie wieder wie vorher sein würde. Er konnte nicht zurück.

 

„Meine Seele bekommt ihr nicht“, murrte er grimmig und machte sich auf den Weg ins Nirgendland. Dort, wo die Grenze zur Zwischenwelt lag.

 

Merlons Kräfte schwanden. Sein Blut gerann zu flüssiger Lava. Es zehrte ihn auf. Die Hitze war unerträglich. Jede Pore seines Körpers dampfte, entfloh in die kühle Nacht. Er keuchte. Lodernder Schmerz fuhr durch seinen Kopf und zwang ihn in die Knie.

Er stützte die Hände auf den kalten, harten Boden, der ihm kaum Linderung versprach. Die Grasbüschel verschwommen vor seinen Augen, Tränen verwandelten sich in zischenden Dampf. Er grub seine  Fingernägel in die trockene Erde, suchte nach Halt in der sich drehenden Welt. Atemstoß um Atemstoß schwand sein irdisches Leben dahin.

 

Schließlich legte sich Dunkelheit mit erdrückender Schwere um seinen Kopf. Die Lava rauschte durch seinen Körper. Bahnte sich den Weg durch Adern, umschloss Organe und zwang sie zur Aufgabe, der Sauerstoff in seinen Lungen verdampfte bis das Rauschen schließlich ein letztes Bild in seinen Augen hinterließ: Schattenfeuer.

 

Er wusste nicht wieviel Zeit vergangen war als der Schmerz zurückkehrte. Unfähig sich zu bewegen, lenkte er seinen Blick nach innen.

Er stellte sich im Geiste Miranda vor. Seine Schwester war eine große Heilerin und verfügte über Kräfte, die über seine Vorstellungskraft hinausgingen. Doch durch einen tragischen Unfall wagte sie es nicht mehr, ihr volles Potenzial auszuschöpfen und verbannte einen Teil in den Tiefen ihrer Seele.

 

Sie würde spüren, dass er in Gefahr war. Er stellte sich ihr Gesicht vor, wie sie ihr Amulett ergriff, das sie um den Hals trug. Miranda würde wissen, dass  seine Seele kurz vor dem Erlöschen war. Der Stich würde sich direkt in ihrem Herzen zeigen.

Merlon stellte sich vor, wie ihr Geist durch die Zwischenwelt hastete, wie sie ihn suchte in Wäldern, in Dörfern, in den Bergen – und an der Grenze.

 

„Er wird es nicht gewagt haben. Er wird doch nicht.“ Merlon hörte Mirandas klagenden, verzweifelten Worte als stünde sie direkt neben ihm.

Ihr Geist richtete sich nach Norden. Zur Grenze. Dort, wo die Zwischenwelt durch einen schwarzen Schleier von der Schattenwelt entfernt lag. Der undurchdringliche Schleier ließ keine Wesen aus der Schattenwelt in die Zwischenwelt.

 

Nur den Reisenden, die die Zwischenwelt passierten, um hinüberzutreten, war es erlaubt in die Schattenwelt zu gehen. Alle Hoffnung sich zu irren schwand als sie den schmalen, blauen Faden seiner Lebensspur entdeckte.

„Ja, Miranda, hier bin ich“, dachte Merlon und sandte ihr den Gedanken, in der Hoffnung, er würde sie erreichen.

 

Zitternd stand Miranda vor dem Kessel, der über dem wärmenden Feuer in ihrer kleinen Hütte im Morgentauland stand.

„Er wird es nicht gewagt haben. Er wird doch nicht.“

Ihre Stimme war schwach, atemlos. Die plötzliche Erkenntnis zwang sie in die Knie.

„Oh Merlon, was hast du getan?“ Tränen rannen über ihr Gesicht.

 

Merlon brauchte Hilfe in der Schattenwelt. Nie zuvor hatte es eine Heilerin gewagt, die Schattenwelt zu betreten. Als Heilerin wusste sie um die Gefahr. Keinem Wesen war es erlaubt, die Schattenwelt wieder zu verlassen.

Ein Funke Hoffnung flammte in ihr auf. Könnte sie es schaffen, wenn sie im Besitz ihrer vollen Macht wäre? Miranda musste ihren Geist in die Schattenwelt senden, wenn sie ihren Bruder retten wollte. Sie hatte keine andere Wahl.

 

„Wenn dein Geist deinen Körper verlässt, wird mit ihm die Wärme entweichen, die dich am Leben hält. Verweile nie zu lange außerhalb deiner sterblichen Hülle, sie kann ohne deinen Geist nicht überleben. Brenne dir das Bild deines Körpers beim Verlassen ein, sonst wirst du ihn nicht wiederfinden“, hatte sie ihrem Bruder einst erklärt.

 

„Du legst dich mit dem Rücken auf den harten Boden, die Arme neben dir ausgestreckt, das dicke Wolfsfell über deinem Körper ausgebreitet. Deine Glieder werden schwer, werden eins mit dem Untergrund, dein Geist wird leicht. Einatmen, ausatmen, langsam, mach dich frei von Ängsten. Du bist!“ Das Mantra half ihr, die sterbliche Welt hinter sich zu lassen.

 

Merlon beobachtete seine Schwester, wie sie aus ihrer irdischen Hülle trat, sich umdrehte und ihren Körper betrachtete. Die Augen geschlossen, unmerklich hob sich ihre sterbliche Brust, das Gesicht bleich. „Einatmen, ausatmen. Du bist!“ Mit diesen Worten kniete sie nieder und nahm die Gestalt des Falken an.

 

Mit einem Schrei breitete Miranda die braunen Schwingen aus und stieß sich vom Boden ab. Merlon schaute ihr hinterher und verlor sie schließlich aus den Augen.

 

Sein Bewusstsein kehrte in die Schattenwelt zurück. Er hatte sie gerufen, sie war auf dem Weg. Doch würde sie ihn finden? Er versuchte es erneut. „Einatmen, ausatmen. Du bist!“

Schwach glühte ein roter Schein in seinem Blickfeld auf. Die Magie der Grenze glühte und der Falke schrie auf. Als er die Grenze durchbrach, spürte er einen heftigen Stich hinter den Augen als bohre ihm jemand glühende Nadeln durch den Hinterkopf in die Augen. Schwarze Punkte tanzten auf und ab, der Schmerz ließ seinen Geist erzittern.

 

„Jemand hat die Grenze passiert“, hörte Merlon einen der Unheilvollen sagen. „Ein Eindringling. Kein Reisender. Eine Frau. Sie ist mächtig und sie will den Entfachten in ihre Welt zurück bringen! Er muss endgültig sterben bevor er die Grenze passiert, wir müssen seine Seele nehmen damit das Schattenfeuer ihn vollständig zu einem der unseren macht.“

Die Wut in der Stimme des Reiters verschaffte Merlon Genugtuung. Miranda war auf dem Weg und sie bedeutete Gefahr für die Unheilvollen.

 

„Sie ist nicht mehr fern, doch die Magie der Grenze wird die Reisende aufhalten und uns einen Zeitvorsprung verschaffen. Los jetzt!“ Wutentbrannt brüllte er seine dunklen Gefährten an.

 

Merlons Gedanken schweiften umher. Wenn er, der Entfachte, die Schattenwelt verließ, wäre alles verloren. Es würde den Untergang des dunklen Reiches bedeuten. Und damit auch den Untergang der Unheilvollen.

Der Krieger kicherte hysterisch. Er hatte sie getäuscht, war den schwarzen Reitern selbstbewusst und überzeugend entgegen getreten. Hatte ihnen von seinem Wunsch erzählt, er wolle einer der ihren sein.

Hatte tief in seinem Innersten den Gedanken verborgen, dass er das Schattenfeuer stehlen und für immer vernichten wollte.

 

„Einatmen. Ausatmen. Du bist! Du bist Magie!“ Miranda sprach einen Schutzzauber, Merlon konnte ihn deutlich hören. Die Grenze versuchte sie abzuwehren, attackierte und sandte ihr Messerstich um Messerstich, die sich qualvoll durch ihren Geist bahnten.

Doch Mirandas Magie war stärker, die schützende, weiße Hülle umgab sie und schon bald ließ der Schmerz nach.

 

Der Krieger sandte seiner Schwester ein Bild seiner Aura. Sie würde wissen, was es bedeutete. Das klare Blau war durchzogen von roten Fäden, die das Blau in ein dunkles Lila tauchten. Um ihn herum kreisten schwarze Schlingen, die darauf warteten, dass seine Wandlung komplett war.

„Wenn die Aura eines Menschen durch übernatürliche Einwirkung verändert wird, dann werden die schwarzen Finger des Todes nicht weit sein. Wird die Aura gar komplett umgewandelt wird, dann ist seine Seele verloren“, hatte sie ihn vor vielen Jahren gelehrt.

Er wusste, Miranda spürte den schwachen Lebensfaden ihres Bruders.

 

Sie sah die schwarzen Gestalten, die auf ihren Bruder zuschossen. Sie waren nur wenige Meter von ihm entfernt.

Der Falke kreischte und setzte zum Sturzflug an.

 

„Miranda“, flüsterte er schwach. „Ich habe es versucht. Ich dachte, ich sei stark genug. Nun liegt es an dir.“

 

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