Sandra (3/3)

Der „Jungle“ in Calais

Wir hatten vor unserer Abreise nach Calais Spendengelder gesammelt für Baumaterial und Lebensmittel. Wir sind in den Supermarkt und haben gesehen wieviel wir für 700€ einkaufen können. Wir hatten knapp 4000€ und waren stolz wie Oskar. Drei Transporter voll und wir waren so stolz, was wir da alles mitbringen wollten! Das ist Blödsinn.

Momentan halten sich in Calais ungefähr 7000 Flüchtlinge auf. In dem kleineren Camp in Dünkirchen hieß es bis zuletzt 3000. (Anmerkung: Zahlen vom Januar 2016). Dort leben mehr Frauen und Kinder.

Das Essen dort ist so schnell weg!

Man sagt 1€ pro Person pro Tag. Da kann man sich vorstellen, dass bei 7000 (Menschen) nicht viel rum kommt. Das war beim Verteilen schrecklich für mich. Die Schlange war lang und irgendwann war kein Essen mehr da. Und dann stehen da auch noch Kinder!

Im ‚Jungle‘ sieht man sehr viel Müll. Abgerissene, kaputte Zelte. Es ist Dünengelände und matschig durch das Regenwetter. Dadurch wirkt alles noch trister. Wir brauchten Passierscheine für den Jungle. Wir wurden registriert, um rein zu kommen.

Um dieses Camp herum ist ein Höllen Polizeiaufgebot, in Vollmontur, mit Mundschutz, Pfefferspray. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Die schmeißen auch Tränengas in das Camp rein. Da, wo die Kinder schlafen! (Artikel dazu hier: Spiegel) Da hängen Schilder „Hier schlafen Kinder. Bitte nicht mit Tränengas werfen“. Und trotzdem machen sie das. Man will diese Leute eben nicht da haben. Der Jungle ist ein illegales Camp.

Es kommt kaum etwas im Fernsehen darüber, weil diese Menschen illegal dort sind. Sie wollen nach Großbritannien, weil sie da vielleicht Verwandtschaft haben. Viele haben ja auch keine Papiere. Sie würden auf jeden Fall abgeschoben werden und im Jungle können sie sich noch verstecken.

Wie schlimm muss es sein, dass man so eine Angst hat, zurück geschickt zu werden, dass man sich in so einem Camp versteckt?

Wir sind also in Calais angekommen und sind in ein riesen großes Warehouse, in das wir unsere Spenden hingebracht haben. Die Spenden waren vorher angemeldet. Wir wurden sofort eingespannt, obwohl wir einfach erstmal die Sachen hinbringen wollten. Aber sie brauchten Leute, die beim Sortieren helfen.

Am zweiten Tag sind wir morgens  ins Camp in Calais, wo ich in der Küche geholfen habe. Das war richtig klasse. Es hat richtig Spaß gemacht! Als alles fertig gekocht war, sagte ich zur Chefin, dass ich mit zum Verteilen nach Dünkirchen möchte und sie sagte zu mir „Ja, morgen kommst du mit“.

Ich glaube, die Frau hatte gutes Fingerspitzengefühl und hat mich erstmal mit nach Calais zum Verteilen mitgenommen. Als wir danach wieder im Warehouse waren, hat sie mich angeguckt und gefragt, wie es mir geht. „Nicht so gut“ habe ich gesagt.

In Dünkirchen gibt es noch weniger zu essen, weil das Augenmerk auf Calais liegt. Wenn nichts mehr da ist, ist nichts mehr da. In Dünkirchen gibt es keine Holzhäuschen, da gibt es nur Zelte. Außer den Freiwilligen, die das Essen hinbringen, kommt niemand in das Lager rein. Sie riegeln es ab, weil sie nicht wollen, dass es größer wird. Da kommt keiner rein. Die ärztliche Versorgung ist da ganz schlecht.

Es gibt viele kranke Kinder. Die medizinische Versorgung läuft ja auch nur über Freiwillige. Die Medikamentenspenden sind so wichtig. Gegen Krätze zum Beispiel. Jemand der Krätze hat müsste geduscht werden, müsste frische Sachen kriegen und dann das Krätzemittel drauf und danach müsste er in einem Krätze freien Bett schlafen. Geht aber nicht!

Die Leute holen sich ihr Essen in einem Topf ab. Kein Besteck. Einer hatte sogar nur einen Farbdeckel. Wenn einer sagt, er hat fünf Leute in der Familie, dann kommen fünf Schlag Essen rein. Eine Familie hat den Topf auf den Tisch gestellt.

Das Kleinkind, ungefähr ein Jahr alt, saß mit gespreizten Beinen um den Topf und alle standen um den Tisch und sind mit dem Finger rein in den Topf.

Da geht es ums nackte Überleben. Da fragt man sich „Müssen die verhungern? Müssen die erfrieren?“ Die Bilder in den Medien können nicht transportieren, was da los ist. Ich dachte wirklich ich wüsste, auf was ich mich einlasse. Nein, wusste ich nicht.

Ich war vorher noch nie an so einem Ort. Meine Mitfahrer haben gesagt, es wäre in jedem Slum so. Ich war aber noch nie in einem Slum. Ich habe sowas das erste Mal gesehen. Und dass es sowas 450km vor meiner Haustür gibt, das war für mich schwer zu verstehen.

Da fühlt man sich klein und hilflos.

Ich brauche jetzt auf jeden Fall Abstand. Die Front ist für mich jetzt erstmal weiter weg. Ich möchte lieber hier Spenden organisieren. Ich bin vielleicht einfach nicht hart genug für die Front.

Mein Leben ist jetzt komplett anders. Wenn ich vorher Ende November Winterklamotten kaufen ging, dann habe ich gedacht „Juhu, zweimal im Jahr schön shoppen“. Da habe ich mich drauf gefreut. Und dann stand ich plötzlich da und ich hatte schon so viel Zeug zusammen, stand vor den Schals „Nimmst du jetzt den grauen oder den beigen Schal?“ und bin dann bin ich auf einmal ganz traurig geworden.

Ich habe die Wahl, andere Leute haben noch nicht einmal die Wahl. Die müssen irgendwas nehmen, was aus der Kiste raus kommt. Oder haben gar nichts. Ich habe alles, was ich zusammen gesammelt habe, wieder weg getragen. Ich wollte es nicht mehr.

Man guckt zu Hause die ganzen Dinge, die man hat, ganz anders an. Man hat so viel unnützes Zeug. Viele Sachen empfinde ich mittlerweile auch als Ballast.

Ich bin dankbar für alles, was ich habe. Man wird demütiger

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