Sandra (1/3)

„Ich hatte irgendwie Berührungsängste“

Ich musste jeden Morgen bei der AfA (Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende) vorbei fahren und dann habe ich gesehen, dass da immer mehr Menschen waren. Am Zaun hing plötzlich so viel Wäsche und früher war das für mich einfach ein Asylantenheim, das wusste ich, aber ich habe nie hingeguckt und habe der ganzen Sache keine Beachtung geschenkt.

Und plötzlich war da viel Leben und man hörte natürlich auch mehr in den Medien und da habe ich mal genauer hingeguckt. Wir haben gesehen, dass Leute draußen gezeltet haben, weil sie drinnen keinen Platz mehr hatten.

Ich habe bei facebook gesehen, dass es Aufrufe gab, dass sie Kleiderspenden und Schlafsäcke brauchten und da haben wir dann angefangen Sachen zu sammeln und auszusortieren. Die Schlafsäcke haben wir nachts über den Zaun rüber gegeben. Hört sich blöd an, aber durch den Zaun war es einfacher.

Ich hatte irgendwie Berührungsängste. Obwohl das ja eigentlich Quatsch ist. Aber ich spreche jetzt auch kein fließendes Englisch, das ist viel zu lange her, was ich da in der Schule gelernt habe. Ich hatte jetzt keine schlechten Vorstellungen von ihnen. Ich hatte keine Angst vor einer anderen Religion oder so.

Ich dachte eher „Ich kann jetzt nicht einfach auf sie zuspringen und sie fragen, ob sie irgendwas brauchen. Vielleicht beschäme ich sie. Was denken sie, wenn ich jetzt einfach auf sie zugehe und sie als Flüchtlinge anspreche?“

Im Nachhinein habe ich das ja immer gemacht, irgendwelche Leute angesprochen. Ich hatte immer Klamotten im Auto. Ich bin die letzten Monate nur noch mit Klamotten, Decken, Handtüchern und alles, was ich kriegen konnte, rumgefahren.

Und wenn ich dann Leute gesehen habe, die immer noch viel zu dünn angezogen waren, da bin ich einfach auf die Seite gefahren und habe gebrochenes englisch gesprochen. Wenn das nix gebracht hat,  dann mit Händen und Füßen.

Und danach hatte ich komischerweise immer alle Leute im Arm. Man hat sich immer in den Arm genommen und alles war gut.

Ich musste feststellen, dass es viele gibt, die mit der Flüchtlingsthematik gar nix zu tun haben wollen. Und das muss nicht nur der weite Freundeskreis sein, es findet auch im engen Freundeskreis statt. Manche haben da eine ganz andere Meinung. Das war dann natürlich schwierig. Das hat mich richtig dünnhäutig gemacht.

Du kannst aber nicht alle Menschen, die das anders sehen, plötzlich aus deinem Leben kicken. Viele haben mit den Flüchtlingen keinen Kontakt gehabt. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe vorher nie gesagt „man darf hier keinen rein lassen oder man darf den Leuten nicht helfen“. Aber solche Sachen wie „wir können ja nicht alle aufnehmen“ habe ich gesagt.

Das ist jetzt anders. Wenn man einmal damit in Berührung kommt und diese Not sieht. Ich habe jetzt eine ganz andere Einstellung.

Wie man das ganze jetzt bewältigen kann, da habe ich keine Idee, wie man das lösen könnte. Ich habe zwar manchmal darüber nachgedacht, wie unser Land das lösen könnte.

Da habe ich mir solche Sachen überlegt, wie ein „Schlüssel“. Wenn jetzt beispielsweise ein Dorf 2000 Einwohner hat, dann muss man auf jeden Fall 20 Flüchtlinge aufnehmen. Sie werden aber dann nicht in irgendwelchen Unterkünften untergebracht, sondern sie kommen dann in ganz normale Wohnungen. Und im Ortsvorstand sollte dann besprochen werden, wer sich um was kümmert. Damit auch von Anfang an alles geklärt ist.

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