Rein in die Komfortzone!

Im letzten Jahr ist mein Leben wie ein langsamer, breiter Fluss vor sich hingeflossen. Eintönig und grau. Und doch voller Erwartungen auf die kommenden Wochen, die den Lauf des Flusses ändern würden. Seit meinem letzten post am 27. Juni  ist viel passiert.

 

Mein Fluss nahm plötzlich an Schnelligkeit zu. So schnell, dass ich kaum noch hinterher kam. Hetzte von Kiel zu meinen Eltern nach Trier, um dort Hab und Gut unterzustellen, fuhr schnell weiter zum Wildnis-Praktikum in Süddeutschland (bei dem ich gefühlt keine 5 Minuten für mich alleine hatte, aber es hat mega Spaß gemacht!), weiter nach Zürich, von da nach Luzern, dann zum Wildniswochende (toller Block über Wildkräuter, ich kann mich jetzt direkt von der Wiese ernähren 😉 ), weiter nach Kiel (Sommersachen raus, Herbstsachen rein) und nun sitze ich im wunderschönen Kopenhagen.

 

So sahen meine letzten 4 Wochen aus. Hört sich nach Stress an? Ja, manchmal. Aber mir geht’s so gut wie schon lange nicht mehr.

Auf vielen Blogs wird immer davon geschrieben, man solle seine Komfortzone verlassen. Ich habe das Gefühl, ich bin vor 4 Wochen wieder in meine Komfortzone eingetaucht als ich ging.

 

Rein ins Neue, ins Unbekannte, das Andere erleben. Rein in meine Wohlfühlzone, denn im Anderen, Neuen fühle ich mich wohler als im grauen Dauertrott.

 

Was nicht heißt, dass ich meinen Lebensinhalt darin sehe, ständig umzuziehen oder zu reisen. Nein, ich mag es für ein paar Jahre an einem Ort zu leben, der einfach anders ist, als das, was ich kenne.

Und da ich erst einmal Kanada den Rücken zu drehe und mich in Europa umschauen will, ging es in den letzten Wochen in die Schweiz und nach Dänemark.

 

Auf der Suche nach einer potenziellen Heimat

Zürich

Riecht nach Seewasser

Schmeckt nach Quinoa, Kale und Kohl

Sieht türkis und spießig aus

Fühlt sich klar, eben und abgerundet an

Hört sich brummend an

 

 

Was hier auffällt: Die vielen Touristen! Zürich ist eine überschaubare Stadt mit unglaublich schöner Natur drum herum. Der Hausberg, Uetliberg, und der Züricher See geben dem Ganzen ein paar extra Sternchen.

Ja, die Schweiz ist nicht billig. Vor allem Restaurants, Cafés und Bars sind teuer. Doch schaut man ich die Preise im Supermarkt genauer an, ist es nicht soo viel teurer als in Deutschland. Gut, ich bin auch kanadische Lebensmittelpreise gewohnt, die toppen bisher nichts.

Dafür ist das Gehalt dementsprechend höher (was in Vancouver eben nicht der Fall war).

 

Mein Couchsurfing host war super, ich habe ihn direkt ausgiebig über das Leben in der Schweiz ausgefragt 😉

Durch die Mutter meiner Mitbewohnerin kam ich an einen Kontakt, die mir viel über das Erziehungssystem in der Schweiz berichtet hat. Gehalt und Urlaubstage hören sich nicht schlecht an.

 

Dabei habe ich erfahren, dass die Kindergarten-Lehrpersonen bereits den vierjährigen Kindern ein Zeugnis ausstellen müssen. Geht gar nicht! Leider sind mir auch viele sterile Kieselstein-Betonplatten Schulhöfe und Kindergarten-Gärten aufgefallen. Für mich als angehende Natur- und Wildnispädagogin ein no go.

 

Luzern

Riecht nach Kaminfeuer, Regen, deftigem Essen und Kühen

Schmeckt nach feuchten Blättern

Sieht urig, grau und neblig aus

Fühlt sich mystisch an

Hört sich plätschernd, rauschend und klingend an

Luzern ist eine urige Stadt mit ganz besonderem Charme. Aber auch zu klein für mich. Trotzdem war es definitiv einen Besuch wert! Ich hatte eine tolle couchsurfing Gastgeberin, mit der ich mich auf Anhieb verstand. Danke für die Insider Informationen über das Leben in der Schweiz, Ayna!

 

Mein Fazit: Mal sehen. Landschaft und Gehalt haben mir gut gefallen, doch ob das reicht, in einem so leistungsorientierten Land mit (dem Eindruck nach) sehr angepassten, spießigen Menschen (viele Katholiken hier) zu leben…ich weiß es nicht.

 

Kopenhagen

Riecht nach Hortensien, Knoblauch, Flieder, einer kühlen lauen Sommerbrise

Schmeckt international und nach uralter Geschichte

Sieht vielfältig und friedvoll aus

Fühlt sich lässig an

Hört sich laut mit Inseln der Ruhe an

 

 

Kopenhagen wollte ich eigentlich einfach nur sehen, aber nicht unbedingt unter dem Gesichtspunkt „eventueller neuer Heimatsort“.

 

Und dann lief ich durch die Straßen und dachte die ganze Zeit

„Wow! Diese Stadt ist toll!“

 

Die Menschen: Eine Mischung aus lässig und stylisch, vielfältig und international. Das Leben findet hier viel draußen statt, trotz (für mich) kühler 20 Grad. In Cafés, Bars, Restaurants und vor allem am Wasser.

 

Auf dem Friedhof fahren sie Fahrrad, üben Hoola-Hoop, lesen, machen Yoga – in Deutschland undenkbar! Habt ihr schon einmal in eurer Stadt Menschen auf Friedhöfen chillen sehen? Ich nicht. Gut, ich bin auch aus dem stinkkatholischen Südwesten 😉

 

Vor allem eins fällt mir auf: Die Dänen sehen entspannt aus.

Fazit: Kopenhagen als Lebensort? Vielleicht. Wäre da nicht das Klima…

 

Und nun sitze ich inmitten dieser schönen Stadt und denke mir „Wie geht’s mir grade eigentlich?“ und horche ganz tief in mich rein.

 

Ich fühle mich frei, wenn auch noch ein wenig getrieben,

die Restwehen vom Arbeitsleben und dem Eingebundensein in die Gesellschaft

mit all ihren Erwartungen.

 

Heimat finden – eine Freundin meinte kürzlich zu mir, dass sie mir wünscht, ich würde eine Heimat finden und länger an einem Ort bleiben. Gestern tippte ich ein neues Weltenwandler Interview ab (coming soon!) und Carol beschrieb Heimat so „Heimat ist, wo du du selbst sein kannst, wo du dich nicht verstellen musst, keine Maske und kein Lächeln, wenn du nicht glücklich bist. Einfach nur du sein“

 

Muss Heimat also an einen Ort gebunden sein?

Ist es nicht vielmehr ein Gefühl, das man in sich trägt?

 

Auf meinem Schulterblatt sitzt Morla, die ihren Panzer, ihr Zuhause, ständig mit sich trägt. Ihr Panzer ist ein Teil von ihr und ihre Heimat. Sie muss nicht an einem bestimmten Ort sein, sie muss nur eins mit sich sein.

 

Akzeptanz als erster Schritt, so bin ich und lasst mich gefälligst so sein, wie ich bin. Das Gefühl hatte ich nie in Deutschland – wohl aber in Kanada. Da durfte ich sein, wer ich bin. Konnte laut sein, konnte Emotionen zeigen, konnte ich sein. Der Wunsch nach meinem Leben dort hat wieder zugenommen und doch genieße ich es, nahe bei meiner Familie zu sein.

 

Seht ihr den Zwiespalt in dem ich stecke? Ich schätze, dem ein oder anderen unter euch geht es manchmal genauso. Hier sein und da sein wollen und eigentlich ist doch alles irgendwie ok, also warum was ändern wollen?

Etwas ändern wollen, wenn das Grundgefühl nicht stimmt. Wenn ihr tief in euch reinhorcht und feststellt, dass ihr da, wo ich gerade steht, keine Chance auf Glücklichsein habt, dann ist es Zeit zu gehen – auch wenn es weh tut und mit Ängsten, Sorgen und Unsicherheiten verbunden ist.

 

Niemand gibt uns eine Garantie, einen Fahrplan, was als Nächstes kommt. Und wenn wir diese unsichere Phase überwunden haben, dann legen sich die wogenden Wellen wieder und wir haben die Chance, einfach nur glücklich zu sein 🙂

 

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