Natur-/Wildnispädagogik # 2: Der Blick auf die eigene Biografie

Nachdem ich im letzten Jahr Richard Louvs „Das letzte Kind im Wald“ gelesen habe, war ich überzeugt davon, ein Natur-Defizit zu haben. Immer wieder ertappte ich mich bei seinen Ausführungen über seine Kindheit dabei, wie ich seine Erfahrungen mit meinen verglich.

 

Welche Erfahrungen sind Teil meiner Biografie? Wie bestimmen sie mein (pädagogisches) Handeln heute?

Ein Bericht über das Beeinflussungspotenzial von Biografie

 

Natur und Familie

Vertrauen und Loslassen

In meiner Kindheit habe ich fast immer draußen gespielt.

 

„Ich geh auf die Straße“ war damals kein Synonym für „Ich geh anschaffen“

sondern für

„Ich spiel auf der Straße. Bin zum Abendessen wieder da.“

 

Wieder zu Hause angekommen wurde ich oft ausgeschimpft („Wie sieht das denn aus?“), weil meine Schienbeine immer übersäht waren mit blauen Flecken. Vom Klettern, hinfallen, stoßen und spielen.

 

Dafür fand unsere Mutter die blauen, gelben, roten Blumen, die wir ihr von der nicht ganz so nahgelegenen Blumenwiese mitbrachten umso schöner. Wohl war ihr nicht dabei, dass wir uns so weit vom Haus entfernt hatten. Trotzdem hat sie uns nicht verboten dorthin zu gehen – zumindest nicht, dass ich davon wüsste 😀

 

Jederzeit hätten wir vom fünf Meter hohen Baum fallen, uns beim Schlitten fahren an den Weinbergen den Hals brechen können oder einfach entführt werden können, weil die meiste Zeit kein Erwachsener anwesend war.

 

Aber unsere Eltern hatten Vertrauen in uns und das gab uns Vertrauen. Vertrauen, es schaffen zu können. Vertrauen in unsere Umgebung. Das führte dazu, dass wir uns in unserer Umgebung wohl fühlten. Natur war ein Teil unserer Lebenswelt.

 

Es gab einfache Regeln („sei zum Abendessen wieder zu Hause“), die uns aber nicht sonderlich einschränkten.

 

Wir konnten Grenzen austesten und zwar weil kein Erwachsener anwesend war. Niemand, der neben uns stand und sagte „das ist zu hoch, komm da runter“ oder „spiel nicht auf der Straße, es könnte jeden Moment ein Auto kommen“.

 

Natur als Nahrungsquelle

Genauso war es Alltag für mich, im Sommer in den Garten zu gehen und frei draus essen zu können. Erdbeeren, Johannisbeeren, Kirschen, Brombeeren, Rhabarber, Möhren.

 

Natur als etwas zu erleben, dass mich nährte,

war von unglaublichem Wert für mich.

 

Diese Erfahrung versuche ich auch heute an Kinder weiterzugeben. In der Kita, in der ich zurzeit arbeite, habe ich Kräuter auf die Tische im Essraum gestellt. Die Kinder können sich jederzeit davon etwas abpflücken und in ihr Essen zugeben.

 

Auf dem Regalbrett wachsen einer Süßkartoffel Blätter und Wurzeln.

An der Glastür klebt eine Zipbag mit drei Bohnen, die sich munter ihren Weg nach oben bahnen.

Im Gewächshaus wachsen Kresse, Überraschungsblumen, Zucchini und Tomaten und heran.

Die Kinder denken jeden Tag daran, das heranwachsende Gemüse zu gießen.

 

Natur und Schule

Löwenzahn kann man essen?

Das Lieblingsessen unserer Schildkröte Morla war Löwenzahn. Doch wäre ich als Kind nie darauf gekommen, dass ich ihn auch essen könnte.

 

In der dritten Klasse sammelten wir mit unserer Lehrerin Löwenzahn, Sauerampfer und noch weitere Wildkräuter, an die ich mich nicht erinnere, und kochten daraus eine Suppe. Den Meisten schmeckte sie überhaupt nicht. Ich glaube, mich zu erinnern, dass sie bitter war.

 

Auch der Ausflug zum Bauernhof, das Abholen der Milch und die anschließende Verarbeitung zu Quark und Butter, werden mir für immer im Gedächtnis bleiben.

 

Daraus wird ein Frosch?

In unserem Klassenraum hatten wir ein Aquarium mit Kaulquappen, die wir bei einem Ausflug aus einem kleinen Teich fischten. Wir verfolgten hautnah mit, wie aus den kleinen glitschigen Popeln (für mich sahen Kaulquappen damals aus wie Popel) Frösche heranwuchsen.

 

Es war kein organisierter Ausflug notwendig, damit wir tagtäglich Natur beobachten konnten.

 

Unsere Grundschullehrerin holte uns die Natur ins Klassenzimmer, sodass wir jederzeit, wann wir gerade neugierig waren oder einem Mitschüler etwas auffiel, beobachten und staunen konnten.

 

Wo kommt eigentlich Wolle her?

Unsere Lehrerin hielt Schafe in ihrem Garten und einmal brachte sie uns Wolle mit, die wir weiterverarbeiten durften. Wie begeistert ich war, dass sich das kleine, wuschelige Wollknäuel zehn Meter lang ziehen ließ bis wir es auf die Spindel aufrollten!

 

Ich weiß noch genau, dass sich die Wolle irgendwie fettig anfühlte.

Fettig, weich, aber gleichzeitig ein bisschen strohig.

Nach so vielen Jahren kann ich diesen taktilen Lernmoment

noch abrufen als wäre es gestern gewesen.

 

 

Reflexion der eigenen Biografie

Vielleicht haben wir damals Arbeitsblätter zu Kühen und dem Bauernhof bekommen.

Daran erinnere ich mich aber nicht.

Stattdessen habe ich das Bild der weißen Behälter mit der durchsichtigen Plastikfolie vor Augen, in denen sich die Milch befand, aus der wir Butter machten.

 

Ich habe bereits im vorherigen Post geschrieben, dass ich ein praktischer Lerner bin. Lernen aus Erfahrung, lernen mit allen Sinnen.

Und das zeigt sich auch in meiner pädagogischen Praxis.

 

Unsere biografischen Erfahrungen beeinflussen unser (pädagogisches) Handeln.

 

Wichtig ist, dass wir uns dessen bewusst sind und uns folgende Fragen stellen:

  • Welches Verhältnis habe ich zu Natur bzw. generell mit „draußen sein“?
  • Welche Erfahrungen habe ich mit Natur gemacht?
  • Was verbindet mich mit Natur?
  • Inwieweit beeinflussen meine Erfahrungen mein heutiges Verhältnis zur Natur?
  • Welche Grenzen wurden mir gesetzt? Welche Grenzen setze ich in meiner pädagogischen Praxis?
  • Wie fühle ich mich in der Natur?
  • Wenn ich mich unwohl fühle, was kann ich tun, damit ich mich wohl fühle?
  • Wovor hatte ich früher Angst? (bspw. vor Spinnen oder sonstigen Krabbeltieren?) Wie gehe ich heute mit dieser Angst vor und übertrage ich diese Angst auf die Kinder?
  • Erinnert ihr euch noch an das Staunen, das ihr verspürt habt, als ihr zum ersten Mal einen Frosch gesehen habt?
  • Wie macht ihr Kinder heute auf etwas aufmerksam? Habt ihr den Funken noch, der Feuer versprühen kann, wenn ihr mit den Augen eines Kindes seht?

 

Natur erleben. Natur erfahren. Natur spüren. Natur als ein Teil von Biografie verstehen.

 

Naturerleben ist eine sinnliche Erfahrung, die mit Emotionen verknüpft ist, die sich wiederum in unserem Gedächtnis festsetzen.

Vor allem aber ist es wichtig, Vertrauen zu haben in die Fähigkeiten des Kindes. Kinder müssen Grenzen austesten, um bspw. zu wissen, wann die Verletzungsgefahr zu hoch ist.

 

Staunt, wenn ihr einen Frosch seht – auch wenn es das 100. Mal in eurem Leben ist, DIESEN einen Frosch habt ihr schließlich noch nie zuvor gesehen.

 

Seid begeistert, wenn der erste Regen fällt – dann dauert es nicht mehr lange bis zum Pfützen springen (wisst ihr noch wieviel Spaß das früher gemacht hat?).

 

Lasst Kinder mutig sein und sie beim Klettern auf dem höchsten Baum nach den Sternen greifen – das Leuchten in ihren Augen wird bei der Erinnerung daran ein Leben lang anhalten.

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