Natur- und Wildnispädagogik #3: Über stampfende Eichhörnchen, blutrünstige Moskitos und verzweifeltes Desinteresse

Geschärfter Hörsinn

Am Morgen setzten wir uns eine Stunde in den Wald und lauschten. Lauschten auf Vogelstimmen, lauschten aus welcher Richtung sie kamen und versuchten sie auseinander zu halten…was alles andere als einfach ist.

 

Wenn man eine Weile im Wald sitzt und sich nur auf Vogelstimmen konzentriert, dann kann es vorkommen, dass man auch andere Geräusche verstärkt wahrnimmt. So auch das plötzliche laute Stampfen  hinter mir, das schnellen Schrittes auf mich zukam.

 

Ich dachte, einer der Teilnehmer oder ein Spaziergänger sei es, doch plötzlich sprang ein Eichhörnchen in nur eineinhalb Meter Entfernung an mir vorbei!

 

Am Abend hörte ich das gleiche Geräusch (nur größer), doch dieses Mal sah ich kein Eichhörnchen und dachte, ich hätte mich geirrt. Doch als wir darüber sprachen, zu welchem Zeitpunkt ein Feind der Vögel im Wald unterwegs gewesen war, war ich sicher, dass irgendwo in meiner Nähe dieser Feind durch den Wald geschlichen sein musste.

 

Wir sprachen auch darüber, wie wir die Hörübungen in unseren Alltag integrieren können. Ich bin grundsätzlich jemand, der viele Alltagsgeräusche bewusst ausblendet, weil ich sie einfach nicht ertrage. Der ständige Auto- und Buslärm stresst mich, also höre ich immer Musik.

 

Allerdings brauche ich auch Hörpausen, denn bei der Arbeit (Kita) ist mein Hörsinn sehr geschärft. Vor allem auf schreien reagiere ich und weiß genau, aus welcher Richtung es kommt. Selbst ein leises Wimmern entgeht meinen Ohren nicht 😉

 

Blut, soviel Blut!

Wie das nun mal in dieser Jahreszeit ist, gab es Moskitos und sonstige blutrünstige Mücken. Hatte ich bereits die Black Flies in Neuseeland verflucht und als schlimm empfunden, so war die Masse an Moskitos in diesem Wald kaum übertreffbar.

 

Sie hatten das reinste Festmahl:

26 VON UNS.

STILLSITZEND IM WALD.

EINE STUNDE LANG.

 

Leichter konnten sie es gar nicht haben. Und auch wenn wir uns gut eingepackt hatten, die wenigen freien Hautstellen haben sie gefunden – oder stachen einfach durch den Stoff und die Wollsocken durch.

 

Letzte Woche hatte ich Anti-Moskito-Mittel hergestellt aus Carnaubawachs, Teebaumöl und Tigerbalsam. Meine frühere Mixtur (gleiche Mischung allerdings Bienenwachs statt Carnaubawachs) wirkte super, die Jetzige leider nicht.

Das Wachs war einfach zu hart und ließ sich nicht so einfach erweichen. Also benutzte ich lediglich Tigerbalsam, was die ersten Stunden gut half, doch dann gewöhnten sich die Moskitos daran und stachen zu.

 

Ein Teilnehmer empfahl junge, hellgrüne Nadeln der Douglasie, die erst gekaut und dann auf der Haut verrieben werden. Von einer anderen Teilnehmerin lernte ich, dass Spitzwegerich und Breitwegerich gut sein sollen, wenn man frisch gestochen wurde. Einfach die Saft auf die Haut pressen und verreiben.

 

Ich werde beides auf jeden Fall beim nächsten Mal ausprobieren!

Und wenn jemand von euch noch gute Tipps hat, immer her damit! 😉

 

Wie lerne ich, wenn mich das Thema nicht interessiert?

Für mich war es total interessant in der Situation zu sein, mich mit einem Thema zu beschäftigen, das mich eigentlich nicht interessiert.

 

Im Vorfeld hatte ich bereits ein paar Vögel nachgeschaut, um wenigstens ein bisschen vorbereitet zu sein. Bei den Youtube Videos zu „Vogelstimmen bestimmen“ bin ich eingeschlafen (leider auch am Wildnis-Wochenende als wir uns drinnen Vogelstimmen von CD anhörten, peinlich).

 

Die Lernbedingungen waren eigentlich perfekt für mich: Eine gute Mischung aus Theorie und Praxis, Erfahrungslernen, visualisieren, Sinne einsetzen (vor allem das Hören), begeisterte und motivierte Anleiter und Teilnehmer – und doch konnte ich einfach keinen Zugang zum Thema finden.

 

Ab einer Übung am Nachmittag gab ich auf. Stattdessen fand ich türkis-blaue kleine Flügel von einem Insekt und meine Neugier war geweckt. Ich wollte unbedingt wissen, zu wem die Flügel gehören. Durch Zufall, ich schaute im Bach nach, ob da Fische seien, entdeckte ich die Blauflügel-Prachtlibellen und war total fasziniert. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals diese prachtvollen blauen Libellen mit in sämtlichen Blautönen schimmernden Flügeln gesehen zu haben.

 

Ich erinnerte mich an die Einführung im Coyote Guide und wie der Autor beschrieb, dass der Kojote seine Aufmerksamkeit erregte und er ihm einfach gefolgt ist. Für ihn war das in diesem Moment wichtig.

Genauso fühlte ich mich. Ich konnte zwar zunächst keinen Zugang zum eigentlichen Thema (Vögel) finden, fand aber etwas, das mich total interessierte und folgte meinem Objekt der Neugier.

 

Was für mich entscheidend war: Ich hatte die Wahl!

 

Ich wurde nicht gezwungen, mich weiterhin mit der Übung zu beschäftigen (wie es leider in jeder Unterrichtsstunde heutzutage in der Schule läuft), sondern konnte mich rausziehen und etwas Anderes lernen.

 

Am nächsten Morgen ließ ich den Vogelspaziergang aus, setzte mich in die Sonne, geplagt von einem schlechten Gewissen, dass ich immer noch kein Interesse für Vögel aufbringen konnte.

Doch dann fragte ich mich, was ich stattdessen gelernt habe oder was mich stattdessen beschäftigt hat. Und das brachte mich ganz schnell zu der grundlegenden Frage, mit der Pädagogen grundlegend herausgefordert sind:

 

„Was tun, wenn ein Teilnehmer kein Interesse für ein Thema aufbringen kann, obwohl die Lernbedingungen optimal sind?“

 

Ich erinnerte mich, dass ich im Coyote Guide gelesen habe, dass der Teilnehmer dann noch nicht bereit ist für das Thema. Zu einer anderen Zeit und an einem anderem Ort aber wahrscheinlich schon.

Ich fragte mich auch

 

„muss dieses Thema Priorität für mich haben?“

 

Nein, nicht jeder Block wird mich gleichwertig begeistern. Ich bin jetzt schon Feuer und Flamme für das nächste Wochenende, wenn wir uns mit Wildpflanzen beschäftigen. Ich weiß auch, dass der übernächste Block – Bäume und Coyote Mentoring- eins meiner absoluten Lieblingsthemen sein wird.

 

Trotzdem wollte ich dem Schwerpunkt des Wochenendes nicht einfach so den Rücken kehren und überlegte heute

 

„gibt es vielleicht ein Teilthema, das mich interessiert?“

 

Ja, das gab es!

 

Am Abend zuvor lauschten wir erneut auf die Vogelrufe im Wald. Mir fiel die veränderte Stimmung auf. Die Vögel waren aufgeregter und ich bemerkte ein paar der Warnrufe, die wir uns am Morgen angehört hatten.

 

Wahrnehmung der Stimmung im Wald fand ich mega interessant und spannend und damit werde ich mich in Zukunft wohl noch mehr beschäftigen.

Und ja, das wird auch die Warnrufe der Vögel beinhalten, weil dies ein Teil des Themas ist 😉

 

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