Natur- und Wildnispädagogik #1

Im kommenden Jahr werde ich immer wieder über meine Erfahrungen von meiner Weiterbildung zur Natur- und Wildnispädagogin berichten. Mal wird der Fokus eher auf einer Reflexion liegen, mal eher auf den Aktivitäten, die wir gemacht haben.

Viel Spaß beim Lesen!

 

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Warum Natur- und Wildnispädagogik?

Ich wollte schon sehr lange eine Ausbildung zur Kräuterpädagogin machen, doch war mir das nicht umfangreich genug. Außerdem haben mich immer die hohen Kosten und später Auslandsaufenthalte davon abgehalten.

Nachdem ich letztes Jahr zurück nach Deutschland kam und im trostlosen Kiel landete, waren vor allem zwei Gedanken ausschlaggebend für meine Entscheidung, eine Weiterbildung in Natur- und Wildnispädagogik zu machen:

 

  1. Wieder einen Zugang zur (weitestgehend unberührten) Natur finden
  2. Endlich das machen (auch beruflich), was mich am Meisten interessiert – egal mit welchem Kosten- und Zeitaufwand

 

Was ist Wildnispädagogik?

„Hauptanliegen der Wildnispädagogik ist es, den Zugang zur Natur wieder zu öffnen. Ein übergreifendes Ziel ist die Förderung von Achtsamkeit gegenüber dem Leben, einem Verständnis für die komplexen Zusammenhänge in den ökologischen Systemen und das Entwickeln einer Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, aber auch zwischen Mensch und Mensch.“ (Quelle: Wikipedia)

 

Ich googelte nach Anbietern und entschied mich für Wildniswandern. Im kommenden Jahr wird es sechs Blöcke geben (jeweils 3-4 Tage) und lernen über Themen wie

„Feuermachen ohne Streichhölzer, natürliche Schutzbehausungen; Wasser finden, beurteilen und reinigen; natürliche Gefahren; Wahrnehmungsübungen und Schleichspiele; Einführung in die Philosophie der Natur; Lebensweise von Vögeln; die fünf Rufarten der Vögel; bestimmen, sammeln und zubereiten von essbaren Wildpflanzen; Orientierung ohne Karte und Kompass; der Bäume; Bäume als Mentoren; Coyote Teaching und die Kunst des Fragens; die Stadien des kreativen Lernens; ökologische Wahrnehmung; das Leben der Säugetiere im Schnee; Spurenlesen; Jagdethik…“ (Quelle: Wildniswandern)

 

Mehr Infos findet ihr unter: www.wildniswandern.de

 

Gedanken vor dem ersten Wildniswochenende…

Was kommt da auf mich zu? Was für Leute werden da sein? Was wird von mir erwartet? Muss ich schon Grundwissen haben?

 

Wird es so sein wie bei den Mudgirls?

Keine Dusche? Kein Strom? Eiseskälte in der Nacht?

Für mich gibt es (fast) nichts Schlimmeres als nachts zu frieren und deswegen nicht schlafen zu können. Also habe ich vorgesorgt, zusätzlich zwei Decken und eine Wärmflasche eingepackt (die mich tatsächlich warm gehalten haben während andere über Kälte klagten).

 

Doch meine Befürchtungen waren allesamt unbegründet.  Wir hatten Strom, fließendes warmes Wasser, ja sogar eine Küche mit Kühlschrank und zwei Herdplatten!

 

Wissenslücken aufdecken

Beim Sammeln Brennmaterial fiel mir auf, wie wenig Ahnung ich von Pflanzen habe. Welche Rinde, Blüten, Reisig eignet sich? Wie sieht eine Fichte, Lerche, Eibe aus? Das sollte ich wissen, denn Letztere sind giftig. Hierbei stellte ich dann auch fest, dass mein Messer (Camp Buddy) nicht gut ist zum Schnitzen.

 

Beim Bau der Laubhütte, sollten wir den Eingang Richtung Osten bauen. Wo ist eigentlich Osten? Wo ging die Sonne heute Morgen auf, wo ging sie gestern unter?

 

Apropos LAUBHÜTTE…wir sollen was? Eine Laubhütte alleine bauen (zu acht brauchten wir für eine fast zwei Stunden), DREI NÄCHTE ALLEINE DARIN SCHLAFEN und das dokumentieren?

Sofort kam ein leichtes Gefühl von Panik hoch. Ich alleine im Wald, der voll ist mit Wildschweinen, Füchsen und sonstigen Raubtieren. Ich sehe schon einen schnaufenden Wildschweinkopf über mir während ich unbeweglich (denn nur dann ist die Laubhütte richtig gebaut) dar liege und nicht weglaufen kann…

 

Was ist mit Zecken? Die sind doch auch überall!

Und dann ist da noch meine Angst vor Dunkelheit.

 

Ängste, denen ich mich in den kommenden Monaten stellen muss.

 

Der erste Tag danach…

Als ich am Kleiderschrank stehe, fällt mir auf, dass ich überlege, welche warme Kleidung ich anziehe. „Dieser Stoff wird mich bei Kälte nicht warm halten“, geht mir durch den Kopf.  

 

Die ersten Niesattacken überfallen mich. „Mist“, geht mir durch den Kopf, „das verdanke ich den Schleichübungen um 21:30Uhr bei 2C°…barfuß.“

Mir sind dabei die Füße abgefroren. Es war schweinekalt.

Die nächsten Tage liege ich mit einer ausgeprägten Sinusitis im Bett.

 

Ich weiß, dass ich mir für das nächste Mal Ballettschläppchen (ja, ihr lest richtig, BALLETTSCHLÄPPCHEN) besorge. Die weiche Ledersohle und schwarze Farbe ist perfekt für’s Schleichen.

Außerdem weiß ich, dass sich mein Körper noch daran gewöhnen, soviel draußen zu sein (4 Tage am Stück, 24 Stunden), egal bei welcher Temperatur.

 

Im Supermarkt fällt mein Blick auf Kräuter jeglicher Art. Zur Einstimmung haben wir morgens am Lagerfeuer Kräuter geräuchert. In zwei wunderschönen Paua-Muscheln (die kannte ich aus Neuseeland). Ich war ganz stolz, dass ich mal wusste, wie etwas heißt.

Ich kaufe Salbei, Thymian und Rosmarin und hänge sie in meinem Schlafzimmer auf, um sie zu trocknen. Und hoffe, dass sie ein klein wenig Geruch abgeben, der mich an das letzte Wochenende erinnert.

 

Mein Drang mich draußen aufzuhalten, führt mich ins nächstgelegene Gehölz in meinem Stadtteil, der von Spaziergängern und Joggern bevölkert ist. Nichts mit ungestörter Ruhe, aber ich habe auch nichts anderes erwartet.

 

Ich fülle meine Tasche mit Waldschätzen. Trockenes, knisterndes Laub; ein grauer, schwerer Stein, in dreieckiger Form, der an manchen Stellen rau, an manchen wiederum glatt ist; eine dunkelgraue, weiche Vogelfeder, keine Ahnung, zu welchem Vogel sie gehört; ein paar piksige Schalen einer Waldfrucht, die ich nachschlagen muss, um zu wissen, was es ist; trockene Baumrinde, die mit grünen Flecken geschmückt ist.

Beim Schreiben dieser Worte versuche ich mich zu erinnern, was in meiner Waldschale ist. Erst als ich nicht weiter komme, schaue ich noch einmal genau nach, wie meine Schätze aussehen.

Das erinnert mich an die Zeichenübung, die wir am ersten Tag gemacht haben. „Wie schnell sich manche Dinge, die man lernt, festsetzen“, wundere ich mich.

 

Doch im nächsten Moment wird mir klar, dass die Dinge,

die wir am Wochenende gelernt haben,

genau meinem Lerntyp entsprechen:

Erst Praxis, dann Theorie;

learning-by-doing; visualisieren;

verinnerlichen; Erfahrungslernen.

Ich liebe es, weil es so anders ist als das, was und wie ich in der Schule lernen musste.

 

Lernmotivation: Neugier und Wissenslücke

Zwar haben wir von unseren Anleitern auch Vertiefungsübungen bekommen, die wir bis zum nächsten Block im Juni (Wahrnehmung und Aufmerksamkeit schulen) machen sollen.

Doch ich möchte mir selbst noch weitere Aufgaben stellen, die durch Neugier auf mehr, aber auch durch fehlendes Wissen angetrieben werden.

 

Bisher wusste ich nicht so genau, auf was ich meinen Fokus legen soll. Welche Pflanzen und Tiere sollte ich kennen? Was muss ich über Holz wissen, um ein Bowdrill Fire Kit oder einen Holzlöffel herzustellen? Welches Holz ist weich? Welches hart?

 

Daher habe ich mir u.a. Recherche-Aufgaben vorgenommen: Schritt für Schritt Bäume erkennen (Eibe, Erle, Fichte, Tanne, Lebensbaum, Holunder, Weide, Lerche).

 

Im nächsten Block werden wir uns mit Vögeln und ihrer Sprache beschäftigen. Ich habe keine Ahnung von Vögeln. Und da ich nicht (schon wieder) vollkommen unwissend da stehen möchte, werde ich auch in diesem Themenbereich ein wenig recherchieren.

 

Vor diesem ersten Wildniswochenende hatte ich zwar bereits ein wenig über die Entstehungsgeschichte der Wildnisschulen in Youngs, Haas‘ und McGowns „Coyote Guide“ gelesen, doch die Erzählungen am Lagerfeuer haben weitere Fragen aufgeworfen:

 

Wie hat Stalking Wolf sein Wissen an Tom Brown weitergegeben? Wie hat „lernen“ stattgefunden? Wie kann ich das Medizinrad einsetzen? Welche Bräuche, Traditionen, Philosophie der First Nations gibt es noch?

 

Fragen über Fragen bleiben am Ende des ersten Wochenendes

und ich fühle mich gut dabei.

Mein Lernhunger ist geweckt,

das wärmende Feuer in meiner Seele brennt wieder

und ich weiß mit Sicherheit, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

 

PS: Getroffen haben wir uns auf dem NABU Gelände Gut Sunder in Winsen, ich kann einen Besuch dort nur empfehlen! Ein ganz tolles Gelände! Mehr Infos hier: https://niedersachsen.nabu.de/natur-und-landschaft/natur-erleben/gut-sunder/unterkuenfte/12287.html

 

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