Maren: „In Madagaskar war alles anders“ (1/2)

Wir waren insgesamt zweieinhalb Wochen auf Madagaskar. In der Hauptstadt haben wir jemanden getroffen, der für Touristen kleine Touren anbietet und man ganz individuell seine Tour gestalten kann, denn in Madagaskar gibt es nur eine geteerte Straße.

Da fahren dann auch nur die Touristen längs bis zum tollen großen Riff und Hotel und dann wieder zurück.

 

Die anderen Straßen sind alle Sand- und Holperpisten und Autos werden da nur mit Chauffeur vermietet.

 

Es ist nicht möglich, schon gar nicht für Mädels,

ein Auto zu mieten und alleine durch die Gegend zu fahren.

 

Also haben wir uns überlegt, dass wir nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Gegend fahren können, weil die Zeit so knapp ist. Wir haben dann mit unserem Chauffeur, William, eine Individualtour zusammengestellt.

 

Ein Land der Vielfalt

Die Insel ist zu 80% endemisch entstanden, weil die Kontinentalplatte abgebrochen ist. Das heißt, Flora und Fauna sind völlig einzigartig. Man guckt ein Blatt an und denkt „sieht ähnlich aus wie eine Palme, ist aber keine“.

 

Genauso die Tierwelt. Die Lemuren und Chamäleons, alles verrückte Viecher, komische Insekten. Vögel gab es leider nur wenige.

 

Von den Menschen her war es total faszinierend, weil die ersten die dort gesiedet haben, Indonesier waren. Dann kamen später Afrikaner und Inder dazu. Die Franzosen dann in der Kolonialzeit und all diese Ethnien und Naturvölker haben sich mittlerweile vermischt zu achtzehn madagassischen Ethnien.

 

Diese achtzehn Ethnien sprechen unterschiedliche Dialekte, bringen unterschiedliche religiöse und gesellschaftliche Werte mit und unterschiedliche Auslegungen der Menschenrechte.

 

Von öffentlichen Konflikten haben wir nichts mitbekommen, aber die gibt es wohl, das haben uns Madagassen erzählt.

 

Wir haben auch nie mitbekommen, ob jemand über eine andere Ethnie geschimpft hat. Aber es wurde uns erzählt, dass es bei den Ethnien ja auch Subethnien gibt. Da entsteht die Problematik „Zu welcher Ethnie gehöre ich jetzt? Ich wohne in diesem Dorf, komme aber woanders her.“

 

Typisch madagassische Küche

 

Madagassen essen alle Fleischsorten. Außerhalb der Städte haben sie dann nur noch Zebus. In der Stadt kommen sie auch an Huhn ran.

 

Es gab den leckersten Pfeffer und die beste Vanille.

Was uns am Leckersten geschmeckt hat, war das Zebu,

getrocknet, ganz salzig, auf Linsenmus.

 

Thunfisch gibt es ganz viel, weil er im südindischen Ozean gut verbreitet ist. Nicht die Sorten, die wir hier kriegen, da sind es schmale Thunfische und die gibt es dann frisch gegrillt mit Reisbeilage.

 

Fisch und Hühnchenfleisch sind oft eingelegt in Soßen, die aus dem asiatischen Raum mit Currygewürzen angehaucht sind.

 

In den Städten gibt es auch französische Küche. Oder französisch-madagassisch gemischt. Es gibt auch Bäckereien, wo man französisches Baguette und Croissants haben kann.

Das Essen ist viel asiatisch angehaucht gemischt mit afrikanischer Küche. Viel frittierte Banane. Ganz viel Teigware. Zum Beispiel Kartoffelstampf frittiert oder Zebufleisch im Teig frittiert. Das machen sie auf offener Straße.

 

 

Essen auf der Straße

Die Wenigsten haben Geld, um sich zu Hause etwas zu kochen. Daher essen sie auf der Straße: Reisküchlein, aus Reismehl mit Wasser angegossen, drei bis vier Zentimeter Durchmesser und einen Zentimeter dick. Das wird morgens gegessen, dazu eine Tasse Kaffee.

Die Mütter mit ihren Töchtern verkaufen morgens Kaffee auf der Straße. Das ist ihr Einkommen.

 

Wegen der Infektionsgefahr haben wir das Besteck da nicht benutzt und keinen Kaffee auf der Straße getrunken. Es nicht richtig gewaschen und einfach durch Flusswasser gezogen wird und dann kriegt der Nächste seinen Kaffee aus demselben Becher.

 

Es gibt viel Mais und Reis, auch gegrillten Reis konnte man an der Straße bekommen.

Unsere Fahrer und William haben total wenig gegessen.

Wir haben uns gefragt, ob sie überhaupt was essen.

Ihre leeren Flaschen haben sie mit Schlammwasser aufgefüllt,

getrunken und sind gesund geblieben.

 

Wir haben uns natürlich Durchfall eingehandelt.

 

Wir, die weißen Geister

Je mehr man sich von den Städten entfernte, umso weniger kannten sie weiße Haut.

Wir hatten eine Autopanne in einem Dorf und saßen da.

 

Ein kleiner Junge kam, der war vielleicht drei, und hat einen alten Reifen mit einem Stöckchen angeschubst. Er hat uns gesehen und hat einfach angefangen zu weinen. Aber er hat nicht einfach nur geweint, wie ein Kind weint, er hat richtig Angst gehabt.

 

Das tat uns so leid und wir mussten gleichzeitig lachen, weil wir von seiner kleinen Niedlichkeit so berührt waren und er tat uns auch so leid.

Dann kam die Mama um die Ecke und hat sich kaputt gelacht.

 

Er hatte mit seinen drei Jahren noch nie einen weißen Touristen gesehen! Das ist so als würden wir einen grünen Menschen sehen.

 

Die Frauenrolle in Madagaskar

Die Frauenrolle war super spannend. Wir waren beim internationalen Frauentag und in den größeren Städten haben Schulen mitdemonstriert, Frauensportvereine, Lehrer, vereinzelt auch Männer.

Immer noch eine mickrige Demonstration, aber immerhin gab es jemanden, der sich für die Frauenrolle einsetzt.

 

Mädchen und Frauen gehen in Madagaskar zur Schule und vor dem Gesetz dürfen sie wählen, aber aufgrund der achtzehn unterschiedlichen Ethnien und aufgrund der Tatsache, dass es von der Logistik her überhaupt keine Möglichkeit gibt, weil es nur eine geteerte Straße gibt, ist das Gesetz eigentlich nichts wert, weil sie es nicht durchsetzen können.

 

„Lacht er mich aus Freundlichkeit an oder weil er meint, er kann mich haben?“

Was es als Tourist unglaublich schwierig gemacht hat, ist zu wissen, lacht er mich grade an aus Freundlichkeit oder lacht er mich an, weil er der Meinung ist, er kann mich haben als Frau?

 

Man wird auch viel angefasst. Es gibt den Aberglauben,

dass, wenn man eine Weiße berührt, bringt das Glück.

 

Da wusste man nie, will der Mann mir grade die Hand geben, weil er an den Aberglauben glaubt oder weil er begeistert ist, dass da jemand komisches Weißes ist oder weil er ein Mann ist, der in der Frau was Schwaches sieht, was er einfach besitzen kann.

 

Das ist sowas, was ich mitnehme, wenn eine Situation unangenehm war, hat man sofort gedacht „Oh, das ist unangenehm, das ist ein Mensch, der hat über Frauenrechte noch nie gehört“ und sich dann aber hinterher denken „Ah, eigentlich war ich gerade in einer Stadt, wo die Ethnie so und so hauptsächlich lebt und die sind total aufgeklärt.“

 

Was ich also von da mitnehme, ist,

dass man sich gegen das Schubladendenken durchsetzt.

 

Das war vor Ort super schwierig, weil man lieber zu vorsichtig ist als dann in der falschen Stadt mit jemand Falschem mitgeht.

 

„Die furchtbarste Nacht“

Wir sind eine Nacht mit einer Autopanne in einem kleinen Dorf hängen geblieben. Da gab es ein „Hotel“ für LKW Fahrer und Militärsoffiziere. Vier Zimmerchen nebeneinander, also vier Hüttchen, eine Holztür mit ein paar Brettern vorne dran (nicht wirklich abschließbar), ein altes Schloss davor, eine Matratze, ein Stuhl, eine Kerze, hinter dem Gebüsch ein Plumpsklo und ein Eimer Wasser zum Duschen.

 

Da sind wir also hängen geblieben und neben uns war ein Militäroffizier in einem der anderen Zimmer.

 

Der hat am Abend sein Maschinengewehr und sein Motorrad abgestellt und wurde nachts befriedigt.

Und das beruhte definitiv nicht auf Zweiseitigkeit, das konnte man hören.

 

Das war eine Nacht, in der wir nur wach lagen und gewartet haben, dass die Nacht vorbei ist und wir am nächsten Tag wieder losfahren können.

 

Man ist so machtlos in dem Moment.

 

 

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