Maren: „Es gibt nur arm und arm verrecken in Madagaskar“ (2/2)

Madagaskar hat die schönste Natur, einfach traumhaft, die coolsten Tiere, man hat sich gefühlt wie in dieser Welt und trotzdem in einer anderen Welt, weil alles immer einen Ticken anders aussah. Das war richtig schön und auch das Einzige Erholsame.

 

Es gibt die nettesten Menschen bis hin zu menschenverachtenden Menschen.

Es gibt nur Armut. Nicht wie in anderen Ländern, wo es arm und reich gibt.

Es gibt nur arm und arm verrecken.

 

Unser Urlaub war daher eher eine Entdeckungsreise als Urlaub.

Man kann es wenig genießen, weil es emotional sehr anstrengend und schwierig zu verarbeiten war.

Das Land  (fünftärmstes Land der Welt) gewährt einen Einblick, den man sonst in Dokumentationen sieht über Zentralafrika mit Hungerbäuchen und Kindern, die sterben. So ähnlich war es da.

 

Glücklichsein trotz Armut

Wir haben durchaus glückliche Menschen gesehen, die nichts hatten, weil die Grundbedürfnisse gedeckt waren.

 

Glücklichsein war möglich, denn es gab Wasser

und wenn du Wasser hast, hast du Feldanbau,

kannst Kinder groß ziehen

und das ist das Lebensglück.

 

Das war auch das Schöne: Die europäisierte Meinung abzulegen, dass man etwas haben muss, um glücklich zu sein.

 

Man ist durch das Land gefahren und hat gedacht „oh Gott oh Gott, die Armen“ und dann nach zwei Tagen hat man gemerkt, dass sie mindestens genauso viel wie wir lachen. Da müssen wir im Denken was ändern.

 

Als wir dann das Hochland verlassen haben und weiter südwestlich gefahren sind, wurde es immer trockener. Je trockener desto mehr Wassermangel und umso ärmer die Menschen. Da gab es nur Sand und Sandsteppen und Lehmhütten.

 

Es war furchtbar und emotional überwältigend.

In den LKW Hotels haben sie nachts Schüsseln auf die Dächer von den Hütten gestellt, um ein paar Tropfen einzusammeln. Also das Wasser, was sie uns zur Verfügung gestellt haben, um zu duschen. Das war das knappste Gut von allem, was sie gerne zum Kochen und trinken verwendet hätten.

 

Wir haben es nicht benutzt, haben auf Zähne putzen verzichtet und ich habe ein anderes Level an Dreck kennengelernt. Wir konnten dreieinhalb Tage nicht duschen, haben unsere Klamotten nicht gewechselt, keine Zähne geputzt, nichts.

 

Wir haben Kinder gesehen, die aus Schlammpfützen

neben dem Rind getrunken haben.

Sie hatten gar nichts.

Wir sind an einem Leprabehandlungszentrum vorbeigefahren. Dort gibt es noch die Pest.

 

UNESCO und Co – Wo geht mein Spendengeld hin?

Das ist wirklich größte Armut, wie man sie sich überhaupt nur ausmalen kann.

Und das Einzige, was Lichtblicke auf der Fahrt gegeben hat, war, wenn wir durch Dörfer gefahren sind mit einem Schild von der EU, der Welthungerhilfe oder UNESCO, oft war es die EU.

Da gab es dann meist einen Brunnen und da gab es auch viel mehr Leben.

 

Man hat wirklich das Gefühl gehabt, dass die Spendengelder wirklich ankommen. Das war beruhigend, weil das Spendenthema ja auch ein riesen Diskussionsthema ist.

 

Erschreckend, die Arroganz der Europäer

Etwas, das mich als Atheistin noch mehr in den Atheismus trieb, war, dass in den Dörfern, wo es nur drei Lehmhütten gibt, anstatt einem Brunnen eine riesengroße pompöse steinerne Kirche aus der Kolonialzeit steht.

 

In jedem kleinsten Dorf und wenn da nur fünf Hütten standen. Die Kirchen waren 50 bis 60qm, pompös, und die Hütten sind 1qm groß, Lehm aneinander geklatscht und oben Stöckchen drauf.

 

Das war so erschreckend wie grausam die Arroganz der Europäer sein kann.

Das war furchtbar.

Da hat man sich dann gesagt „wenn man in jedem Dörfchen einen Brunnen hinstellen würde, die würden überleben können“.

 

Was man halt auch reflektiert ist, dass man nicht verstehen kann, wie Menschen dort „Urlaub“ Urlaub machen können und das machen tatsächlich manche.

 

Es gibt am Ende der großen geteerten Straße eins der weltweit größten Riffe mit tollen Tauchgebieten und Traumständen. Da gibt es auch super tolle riesen Hotels und dann fragt man sich, ob die ins Reisebüro gehen, sich ein Hotel angucken und nicht mal nachforschen, wie es im Rest des Landes aussieht.

 

Und die nicht überlegen „Muss ich dreimal am Tag duschen, wenn ich schwitze?“

 

Wenn man von der Hauptstadt in den Norden fährt, gibt es auch eine Touri-Route und da kann man dann auch Inselhopping machen.

 

Dort, wo die Wasserknappheit natürlich noch größer ist.

 

Die Touristen kriegen die Hotels dahin gebaut und das Wasser wird gefördert, aber eigentlich hätte die Bevölkerung den größten Bedarf.

 

Was für mich auch noch eine super erschreckende Geschichte ist:

Madagaskar ist unglaublich ertragreich. Sie haben ein paar Bodenschätze, die sie gut fördern könnten, zum Beispiel die Vanille und diesen guten Pfeffer, der hier für 20g für 30€ verkauft wird.

 

Und da kommt von dem Geld aber nichts an. Natürlich aus innerpolitischen Gründen, aber auch wegen unserer Weltwirtschaft und der menschenverachtenden Wirtschaftslage.

 

Was ich seitdem anders sehe?

Es gibt ja mittlerweile in jedem Land WLan, auch in den Städten da, in den Dörfern gibt es nichts, aber Cola.

 

Da haben die Menschen nichts zu essen und backen aus Reismehl ihre Küchlein, Wassermelone und Kaktusfeigen werden verkauft, haben aber Cola, die verstaubt im Regal steht und die sich keiner leisten kann.

 

Aber dann weiß man, wie Coca Cola ihre Produkte da hinbringen. Dann kommen sie und sagen „entweder du nimmst uns die Flaschen im Monat ab oder deine Ernte brennt“.

 

Ich boykottiere jetzt Cola als ganz konkrete Handlung.

 

Es ist viel im Kopf passiert.

Zum Beispiel hat die Hungersnot etwas ausgelöst. Ich kam wieder (nach Deutschland) und habe dann erstmal gefastet, weil man dachte, man muss sein Hirn trainieren sollte, dass wir eigentlich viel weniger brauchen als wir haben.

 

Und ich kann es wirklich genießen, dass ich jeden Tag in den Supermarkt gehen und von madagassischer Vanille bis hin zu mexikanischer Avocado alles haben kann, was ich will.

 

Man sagt immer, man wertschätzt das, aber macht es nicht wirklich.

 

Wir waren zweieinhalb Wochen so gerädert, dass wir danach froh waren, wieder in ein europäisches Land fliegen zu können.

 

Egal wie man aussieht, wenn man auf die Straße geht. Wo man keine Angst haben muss. Wo man nicht mehr nachdenken muss, ob der Typ mich jetzt anlacht, weil er mich besitzen will oder wo ich einfach akzeptieren kann, mich lacht ein Mensch an, weil ich existiere.

 

Wertschätzung lernt man noch einmal kennen

 

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