Playcentre

„Let it go, it will happen. It’s magic!“

Vor ein paar Jahren arbeitete ich als Nanny für eine Familie, die in dem beschaulichen Ort Katikati, Neuseeland. Ihr damals fünfjähriger Sohn, Jeremy (Name geändert), ist Autist und die Familie entschied sich, ihn nicht in einen öffentlichen Kindergarten zu schicken. Stattdessen ging ich mit ihm an vier Vormittagen die Woche in den örtlichen Playcentre.

Playcentre ist eine Organisation für frühkindliche Bildung und Erziehung, deren Zentren (Playcentres) von Eltern geleitet werden. Playcentre entstand in Neuseeland und wird auch heute noch erfolgreich durchgeführt

colorful-pen-1058166__180Der Playcentre in Katikati besteht aus einem Haus, das über einen großen Raum verfügte. Der große Innenraum war in vier Bereiche eingeteilt: Leseecke, Bau-Ecke, kreatives Arbeiten und Rollenspiele. Das Haus umgab einen großen Außenbereich mit Schaukeln, einem Wassertisch, einen großen, überdachten Sandkasten, einen Gemüsegarten und einen Handwerkerbereich.

 

tool-384740__180Der Handwerkerbereich beeindruckte mich am Meisten! Denn hier gab es kein Plastikhandwerkzeug, es gab richtige Hammer, Nägel, Schrauben, Schraubenzieher und alle Kinder jeden Alters hatten Zugang. So konnten die Kinder ihre Handwerkerfähigkeiten an einer Werkbank oder aber an einer simplen Holzkonstruktion eines Hauses ausprobieren.

Eine Mutter brachte immer ihre Ukulele mit und sang mit den Kindern – auch Maori Lieder. Denn eins der Grundprinzipien von Playcentre ist die Bikulturalität. Wie auch im nationalen Curriculum „Te Whariki“ für Frühkindliche Bildung, werden die Traditionen und Werte der Maori bewahrt und in die Praxis integriert – im Playcentre beispielsweise mit Liedern oder Büchern.

Manchmal machten wir Ausflüge in die Bibliothek, zum Fluss oder in die nächstgrößere Stadt. Ausflüge waren ein wichtiger Teil, um den Kindern zu zeigen, in welcher Gemeinde sie leben.

Learning Stories

Jedem Spielbereich wurde morgens bei einem kurzen Meeting eine Aufsichtsperson zugeteilt, die die Kinder im Auge behalten sollte. „Jeder ist für jedes Kind verantwortlich“ ist die Regel. So war es auch selbstverständlich, dass jede Mutter (oder Vater) eine Learning Story über ihr eigenes oder andere Kinder schrieb (Mehr Information: http://nzcurriculum.tki.org.nz/Principles/Learning-to-learn/Tools/Learning-stories)

So sah die Vorlage damals aus: Learning story

Lernen

Für Jeremy war die Zeit im Playcentre ungemein wichtig. Jeremy wurde nicht dazu gezwungen einem strikten Plan zu folgen, musste nicht mit der Gruppe sitzen, die Lieder sangen. Er konnte Abstand wahren bis er sich wohl fühlte. Oft saß er den ganzen Vormittag im Sandkasten und beobachtete, was die anderen Kinder machten. Manchmal wiederholte er am nächsten Tag, was er zuvor bei den anderen Kindern gesehen hatte.

Mit jedem Tag, den wir im Playcentre verbrachten, lernte er dazu. Schritt für Schritt entwickelte er sich weiter, wie jedes andere Kind auch – nur dass es bei ihm eben ein bisschen länger dauerte

Für die anderen Kinder war der Aspekt des sozialen Lernens ebenfalls sehr wichtig: Das Zusammensein mit anderen Kindern sowie die Altersmischung bewirkte, dass die jüngeren Kinder viel von den älteren Kindern lernten (durch imitieren) und die Älteren lernten Vorbilder zu sein und den Jüngeren zu helfen.

Das Besondere jedoch war, dass die Kinder vollends ihrer natürlichen Neugier nachgehen konnten – zusammen mit ihren Müttern oder Vätern. Denn eine der Grundgedanken von Playcentre ist, dass Kinder am besten lernen mit ihren Eltern als primäre Erzieher.

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Sie entdeckten und erforschten. Sie konnten im Prinzip machen, was sie wollten. Sie machten Fehler und Fehler wurden zugelassen. Die Eltern griffen nicht ein, lenkten sie nicht, sondern beobachteten und unterstützten, wenn die Kinder Fragen hatten oder halfen ihnen in besonders schwierigen Situationen.

Für die Eltern im Playcentre war es ok, wenn ihre Kinder fünf Tage am Stück das Gleiche spielten oder sich mit nur einer Sache beschäftigten. Wichtig war für sie, dass sie in das Spiel oder ihre Aufgabe vertieft waren, die Dinge oder das Spiel von allen Seiten beleuchteten und Neues ausprobierten.

Das gemeinsame Verständnis von ‚lernen‘ ist: Es wird immer gelernt. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Egal, was ein Kind gerade tut.

Kritische Stimmen

Wenn ich Freunden oder Kollegen vom Playcentre erzählt habe, dann waren ihre Reaktionen fast alle gleich:

„Das ist nicht möglich! Wir müssen arbeiten!“

Ja, es ist selten geworden, dass ein Elternteil arbeiten geht und der andere Elternteil zu Hause bleibt. Heutzutage müssen meist beide Elternteile arbeiten, eine institutionelle Betreuung der Kinder ist unabdingbar. Doch auch in Neuseeland müssen Eltern auch arbeiten. Viele Mütter arbeiten nur halbtags und an den freien Tagen gehen sie mit ihren Kindern gemeinsam zum Playcentre.

Manchmal ist es auch möglich die Kinder ohne einen Elternteil im Playcentre zu lassen, wenn der Betreuungsschlüssel stimmt.

„Meine Kinder sollen mit von anderen Eltern und nicht von qualifizierten Fachkräften betreut werden?“

Eine der Grundideen ist es, dass Kinder am Besten in ihrem familiären Umfeld lernen mit den Eltern als ihre Erzieher. Ein absolutes Plus der Playcentre Organisation ist, dass sie Weiterbildungen im Bereich „Frühkindliche Bildung“ anbieten – die Teilnahme an den Workshops ist sogar eine Voraussetzung, um an Playcentre teilnehmen zu können.

„Kinder brauchen doch eine klare Struktur und feste Regeln!“

Ja, einen festen Tagesablauf gab es nicht. Ich habe mich oft mit den anderen Müttern ausgetauscht, dass ich mehr Struktur gewohnt bin, dass es mir schwer fällt, so gelassen zu sein, nicht in das Spiel einzugreifen. In meinem beruflichen Kontext war es immer wichtig, dass es klare Strukturen und Regeln gab.

Und dann sagten sie einfach nur „Let it go, it will happen. It’s magic“. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, wie viel die Kinder dort lernten, ohne festen Tagesablauf, ohne starre Struktur und einengende Regeln – ich hätte es nicht für möglich gehalten.

Fazit

CIMG4574Playcentre bietet eine Chance für alle Eltern, die gerne mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen und dabei sein möchten, wenn sie den nächsten Schritt auf ihrem Lernweg machen.

Playcentre öffnet für Eltern einen Raum, um sich mit anderen Eltern auszutauschen. Es ist ein Ort für Eltern, die ihre Kinder noch nicht von anderen in Institutionen erziehen lassen möchten, sondern sich ganz bewusst dafür entscheiden, mit ihren Kindern gemeinsam zu entdecken, zu erforschen und zu lernen.

Playcentre bietet aber vor allem eins: Das Gefühl von Gemeinschaft. Die Gemeinschaft bezieht sich hier nicht nur auf die Familie. Durch das Miteinander mit anderen Familien, Ausflüge in die Gemeinde und den jeweiligen Stadtteil wird ihnen gezeigt, wo sie leben, wer Teil ihrer Gemeinschaft ist.

Egal welcher sozioökonomischer Hintergrund, egal ob Beeinträchtigung, eine bestimmte Religionszugehörigkeit oder Ethnizität. ALLE sind im Playcentre willkommen, Vielfalt wird hier sehr geschätzt.

Und klare Strukturen und Regeln? Ja, sind wichtig, aber nicht vergessen:

„Let it go, it will happen. It’s magic!“ 🙂

Mehr Informationen:
Offizielle website von Playcentre

http://www.kiwifamilies.co.nz/articles/playcentre-2/

https://en.wikipedia.org/wiki/Playcentre

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