Leila (2/3) „Ausländerin sein“

Wie erging es Dir als Ausländerin?

Das war krass. Das habe ich so nicht gekannt, wie weiß man sein kann. Das war auch einer der Gründe, warum ich meine Arbeit im Krankenhaus zwei Wochen früher beendet habe als ich eigentlich vorhatte. Niemand hat sich meinen Namen gemerkt, ich wurde nur Obruni genannt, was so viel wie „der englische Mann“ heißt und steht für „der/die Weiße“.

Es gab Tage, da war es mir egal, dass mich jeder ansprach, jeder fasste mich an, weil du einfach auffällst.

Und was mich im Krankenhaus gestört hat oder womit ich nicht klar gekommen bin, ist, dass sie die ganze Zeit auf Twi geredet. Das ist eine regionale Sprache. Sie haben also nicht auf Englisch geredet, was ja auch ok ist, wenn es um die Patienten ging. Aber wenn wir unter Kollegen waren, haben die nur, wenn sie mich explizit angesprochen haben, es auf englisch gesagt. Da fällt es einem schwer, reinzukommen.

Meine Gastfamilie hat mit mir englisch geredet, das war für sie kein Problem.

Die Patienten fanden es super cool und super spannend, dass ich da war. Aber anfassen und behandeln lassen, das wollten sie lieber von einem Schwarzen.

Ich habe dann den ganzen Tag damit verbracht, das Krankenhaus zu putzen und da dachte ich „dafür bin ich nicht nach Ghana geflogen“.

Dann habe ich das erste Mal in meinem Leben die Entscheidung getroffen, dass ich etwas abbreche.

Die Organisation, die es organisiert hat, fand das nicht gut, weil die Gastfamilie ja auch Geld bekam, dafür dass sie mich aufgenommen hatten. Aber ich hatte das vor meinem Gespräch mit der Organisation schon mit der Familie geklärt. Ich hatte das Geld vorher der Organisation überwiesen und die haben es an die Gastfamilie weitergeleitet. Die Familie hat gesagt „zieh los, schau dir Ghana an“. Natürlich habe ich kein Geld zurück verlangt. Auf die Idee wäre ich nie gekommen.

Ich habe es dann mit dem Krankenhaus geklärt und ich glaube nicht, dass es dort irgendjemanden gestört hat.

Wenn du mit dem Bus, einem Trotro, fährst (Minivan) und du bist die erste, die einsteigt, dann setzt du dich hinten in die Ecke und dann wird aufgefüllt. Wenn du dich aber vorne hinsetzt, grade als Weiße, dann wäre das irgendwie unhöflich gewesen.

Mein Gastvater hat ganz viel versucht mir zu erklären, dass „hell sein“ etwas ganz besonderes und tolles ist. Jeder, der mit mir gesprochen oder mich angefasst hat, kann zu Hause seinen Freunden erzählen, dass er heute mit einer Weißen gesprochen hat. Mein Gastvater hat mir auch gesagt, selbst wenn einer von ihnen ein wenig heller ist, dann ist das auch schon toll. Das wär ein Schönheitsideal.

So hat jede Kultur ihre eigenen Schönheitsideale. Bei uns ist es dünn und braun sein. Bei anderen ist es korpulent und hell sein.

Ich hab das „hell sein“ manchmal nicht als etwas Besonderes und Tolles empfunden.

Leila_Ghana2An meinem ersten oder zweiten Tag war ich mit meiner Gastmutter in Accra und bin da über den Markt gelaufen, weil sie etwas erledigen musste. Sie wusste genau, wo sie hin musste und ist da schnurstracks durchgelaufen.

Ich habe für 100m 10 Minuten gebraucht, weil ich überall weggezogen und festgehalten wurde. Mit mir wurde gequatscht und meine Gastmutter ist immer wieder zurückgekommen und hat mich mitgenommen.

Ich war fix und fertig als wir wieder zurück in ihrem Haus waren. Es war halt auch so heiß und der Weg von Accra zu ihrem Haus war eine zweistündige Fahrt.

Die letzten beiden Tage meines Ghana-Aufenthalts habe ich dann auch nochmal in Accra verbracht und dann bin ich alleine über den Markt gelaufen. Ich bin da einfach drüber gelaufen, ich konnte mich sogar hinsetzen und was essen.

Es war komplett anders. Der Vergleich „erster Tag und letzter Tag“ war echt krass. Ich glaube, es hat viel mit der Ausstrahlung zu tun. Ich bin nach 6 Wochen ganz selbstverständlich über den Markt gelaufen.

Das war krass, denn ich war ja nach wie vor weiß. Man lernt halt offenbar damit umzugehen.

Hast Du andere Traditionen kennengelernt?

Ich bin mit meiner Gastfamilie immer in die Kirche gegangen. Da wurde mir extra ein Kleid geschneidert, weil ich sowas nicht dabei hatte. Der Gottesdienst dort dauert 4 bis 5 Stunden. Das war mir vorher nicht klar, dass es so lange dauert. Aber es wird die ganze Zeit gesungen und getanzt. Ich frage mich wie die das durchhalten. Die Kinder dürfen tun und lassen, was sie wollen.

Stichwort Beerdigungen: Ich habe mich immer gefragt, warum die Dorfbewohner mit Trommeln und lärmend, alles knallbunt morgens um 6 um die Häuser gezogen sind. Das waren Beerdigungszüge.

Ich war im Süden Ghanas, der christlich ist. Der Norden ist muslimisch. Ich finde es interessant, dass es da zu funktionieren scheint, in anderen Ländern aber nicht.

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