Lasst uns mehr wie Momo sein!

 

Da stand ich mit meinem Pinsel in der Hand, im schwedischen Nirgendwo, strich von rechts nach links, von links nach rechts, eine monotone Bewegung immerzu und dachte an Beppos Worte:

 

„Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt.

Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du?

Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.

Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig.“

 

Beppo, der Straßenkehrer aus Michael Endes „Momo“, beschreibt etwas so Einfaches und gleichzeitig Schwerwiegendes.

Das Ziel vor Augen und doch so weit weg, greifen danach und können es kaum erwarten, anzukommen. Wollen unser Ziel SOFORT erreichen (hallo instant-Generation) und nicht erst, wenn der Weg beschritten wurde.

Jagen unserer Zukunft hinterher und wollen die Gegenwart schnellstmöglich hinter uns lassen. Wollen Zeit sparen, wo wir nur können, damit wir nur schneller unser Ziel erreichen.

 

Und vergessen dabei, das zu genießen, was genau in diesem Moment passiert.

Warum? Wegen der grauen Herren.

 

Die grauen Herren

 

Sie lauern an jeder Ecke, die grauen Herren, versprechen Ruhm und Reichtum, schenken uns die neuesten Spielzeuge, die weder von Dauer noch besonders schön sind.

Materialismus ist ihr Slogan, sie werben damit an jeder Fassade, im Bus, in der U- und der S-Bahn, im Radio, im Fernsehen.

 

Sie erzeugen unseren Hunger nach mehr Spielzeug, das wir nicht brauchen.

 

Wir geben ihnen unsere Zeit, weil sie versprechen, dass unsere Leben Gewinn erzielen, wenn wir nur mehr Zeit einsparen, mehr arbeiten und uns weniger um jene kümmern, die uns nahe stehen.

Mit der Macht, die wir ihnen über uns geben, bewirken sie, dass unsere Leben grauer und grauer werden – so grau wie ihre Anzüge. Lassen uns den bunten Urlaub buchen, für den wir nur noch mehr arbeiten, um dem grauen Alltag zu entfliehen.

 

Was die grauen Herren wirklich tun, wird uns nur in Momenten der Ruhe bewusst. Wenn wir still sitzen und auf die Melodie unseres Herzens hören, unsere Lebensmusik, die in uns ruht und ein Lächeln auf unsere Gesichter zaubert.

 

Es sind solche Momente, in denen unser Leben farbenfroher, glücklicher ist.

Wünschen uns Stillstand im immerwährenden Karussell der Zeit, das von den grauen Herren angetrieben wird.

 

Warum geben wir den grauen Herren so viel Macht über unser Leben?

Sollten wir nicht den Hebel des Zeitkarussells bewegen?

 

Was macht Momo so besonders?

Momo fragt „warum?“

Momo hat keine Angst nach dem „warum?“ zu fragen. Sie will das Handeln der Menschen verstehen, will die Welt um sich herum begreifen, will wissen, was in den Köpfen ihrer Freunde vorgeht.

Eine simple Frage, die doch so viel Macht besitzt. Doch trauen wir uns, in kindlicher Manier, noch oft genug „warum?“ zu fragen? Oder wird es manchmal nicht sogar als Affront empfunden?

 

Momo hört zu

Erinnert ihr euch an die Szene als Momo dem scheinbar stummen Kanarienvogel geduldig zuhört und er auf einmal anfängt zu singen?

Wann habt ihr zuletzt eurem Nachbarn zugehört? Oder der alten Dame an der Bushaltestelle, die ein paar Worte wechseln wollte, weil sie sonst niemanden hat? Wann hören wir noch aktiv zu?

 

Momo hat alles, was sie braucht

Als Beppo Momo eine Tafel VOM MÜLL schenkt, lächelt sie. Für sie zählen die Geste und die Freude, die darin stecken als auch der Zweck der Tafel (Beppo bringt ihr damit das Lesen bei).

Später präsentieren ihr die grauen Herren Puppen, die mit metallischen Stimmen vom Band mehr und mehr Kleider fordern.

 

„Was fehlt den Puppen?“

„Ich glaube, man kann sie nicht lieb haben“

„Darauf kommt es nicht an“

 

Worauf kommt es an? Was brauchen wir? Brauchen wir teure Spielzeuge, mit denen wir nicht interagieren können, die aber schön aussehen und unseren Status heben?

Momo braucht nicht viel, sie hat alles, was sie braucht: Essen, Wasser, ein Dach über dem Kopf, Wärme und Freunde.

 

Der Weg ist das Ziel

Und dann ist da noch Kassiopeia, Meister Horas Schildkröte. Sie geht langsam ihren Weg und ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, schwimmt im Fluss des Universums, ist eins mit ihm, ist im Flow.

Momo vertraut Kassiopeia und folgt ihr.

 

Wann haben wir unser Vertrauen in uns und unseren Weg verloren?

 

Momo – so aktuell wie nie zuvor

Ich genieße es gerade, Zeit zu haben. Gehe Schritt für Schritt – übrigens auch mit einer Schildkröte, aber das ist eine andere Geschichte und soll an anderer Stelle erzählt werden 😉

Mache mir ab und an Gedanken über die Zukunft, versuche mich aber auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Genieße, was gerade passiert;

genieße die Zeit, die so langsam vergeht wie schon lange nicht mehr.

 

Manchmal scheint die Zeit hier still zu stehen und meine Gedanken schweifen wieder zu Beppo und Momo und natürlich den grauen Herren.

„Momo“ wurde 1973 veröffentlicht! Und doch ist „Momo“ so aktuell wie nie zuvor. Die grauen Herren sind nicht mehr nur Gestalten in einem Roman, sie sind aus der Geschichte herausgesprungen und geistern in unserer Realität herum. Verführen Menschen dazu, Zeit zu sparen, wo sie nur können.

 

Wir brauchen Momo, weil sie uns zeigt, dass unsere Zeit UNS gehört und nicht den grauen Herren.

Wir brauchen Momo, weil sie Impulse setzt.

 

Momo ist nicht einfach nur irgendein Kind. Sie ist eine Erinnerung daran, was wichtig ist im Leben:

 

Lachen aus vollem Herzen.

Neugierig sein und „warum?“ fragen, damit wir die Welt um uns herum verstehen.

Zuhören.

Sich freuen über die kleinen Dinge und Gesten.

Grenzenlose Fantasie und das innere Kind in uns spüren.

Sich Zeit nehmen.  

 

Wenn nur jeder von uns ein kleines bisschen wie Momo wäre, dann würde unsere Zeit langsamer laufen, wir würden viel mehr lachen, zuhören und manch einer würde sicherlich anfangen zu singen.

 

Mein Fazit?

Lasst uns mehr wie Momo sein! 😉

 

Ein Gedanke zu „Lasst uns mehr wie Momo sein!

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