Copy me and you get a Marshmellow (3/3)

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“

(Artikel 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland)

Mehrfach habe ich mich hingesetzt und versucht, diesen Artikel zu schreiben und immer wieder kochte Wut in mir auf.

Wut darüber, dass die individuelle Persönlichkeit von Menschen mit Autismus weder respektiert noch toleriert wird.

 

Wut darüber, dass die Würde der Menschen mit Autismus verletzt wird.

 

Wut darüber, dass ein Ansatz wie ABA, der genau diese Punkte beinhaltet, so populär ist.

 

Wut darüber, dass es nicht mehr kritische Stimmen gibt.

 

Das Bild vom Kind in ABA

Ich verzichte an dieser Stelle darauf, auf Lovaas‘ verachtende Sichtweise auf Kinder mit Autismus einzugehen (Mitbegründer von ABA). Stattdessen habe ich mir noch einmal ganz genau angesehen, wie heutzutage das Bild vom Kind im ABA Ansatz aussieht:

  • Inkompetente Personen
  • Ihre Persönlichkeit ist fehlerhaft, inakzeptabel und störend
  • Sie sind nicht in der Lage die Welt so zu sehen, wie sie von dem Großteil der Gesellschaft gesehen wird
  • Sie verstehen die allgemeingültigen Regeln und Tugenden der Gesellschaft nicht

 

Unterdrückung von Persönlichkeit, Bedürfnissen und Interessen

In zeitintensiven ABA Sitzungen wird das Kind einem Drill unterzogen, in dem ihm kein Spielraum gelassen wird, zu explorieren und die Welt zu begreifen. Dem Kind wird vorgegeben, wie es die Welt sehen MUSS. Ein Selbstlernprozess wird somit von Anfang an verhindert und damit auch die Möglichkeit genommen, aus intrinsischer Motivation heraus Welt zu begreifen.

 

Kindern mit Autismus in der ABA Therapie verwehrt, eine eigenständige Persönlichkeit und Identität aufzubauen. Kinder werden hier nicht gefördert, sondern ruhig gestellt. Ihre Ausdrucksfähigkeit der eigenen Persönlichkeit wird unterdrückt.

 

Das Weltbild des Kindes wird auf den Kopf gestellt, es wird ihm vermittelt:

 

„Deine Sichtweise der Welt ist falsch“

 

In den ABA Sitzungen lernt das Kind vor allem Anpassungsfähigkeit.

Das Kind wird in aufgrund seiner Diagnose „Autismus“ in eine Schublade gesteckt. Es muss sich an die Form der Schublade anpassen, auch wenn es mit den Händen flattern möchte, um sich selbst zu regulieren. Dafür ist in der Schublade kein Platz und es stört einfach nur.

Dem Kind wird also eine generalisierte Struktur auferlegt, die seine Individualität unterdrückt.

 

Es werden Verhaltensweisen antrainiert,

die unnatürlich und fremdbestimmt sind.

 

Warum ist Anpassungsfähigkeit so wichtig?

Damit Erwachsene es leichter haben. Ein Kind, das im Unterricht ständig auf dem Boden rum robbt, schreit und wild vor- und zurückwippt, stört. Daher muss es sich anpassen. Still sitzen. Still sein. Sonst ist es nicht tragbar im Unterricht.

 

Es wird immer kommuniziert – nur anders

Bei ABA wird in den Vordergrund gestellt, dass diese Therapie erfolgsversprechend in Bezug auf Kommunikation ist. Doch gleichzeitig wird bei ABA einer der grundlegendsten Elemente von Kommunikation nicht berücksichtigt:

 

Man kann nicht nicht kommunizieren!

 

Nach Watzlawick (https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Watzlawick) kommunizieren wir immer, nicht immer verbal, aber wir kommunizieren. Mit Gestik, Mimik, Körpersprache. Ein non-verbales Kind ist also durchaus in der Lage zu kommunizieren – aber eben auf seine eigene Weise.

 

Es liegt an den Eltern, Therapeuten, jeder, der mit dem Kind in Kontakt ist, seine Kommunikationsweise zu beobachten, zu studieren und zu lernen. ABA ist ein (relativ) schneller Lernprozess. Die Sprache eines Kindes mit Autismus zu lernen, kann sehr langwierig sein. Doch besteht der Vorteil hierin, dass wir die einzigartige Sprache des Kindes lernen und seine damit verbundene Persönlichkeit kennenlernen.

 

Sich auf die Umgebung fokussieren

Die Umgebung sollte genau beobachtet und verändert werden. Inklusion (meiner Meinung nach) heißt nicht, dass Menschen mit besonderen Bedürfnissen sich an die Menschen in ihrem Umfeld anpassen müssen.

 

Inklusion bedeutet, dass beide Seiten

einen Schritt aufeinander zu machen.

 

Jedes Kind, egal ob mit oder ohne besondere Bedürfnisse, sollte die Chance haben, ein Teil der Gemeinschaft und Gesellschaft zu sein ohne seine Persönlichkeit dafür aufgeben zu müssen.

 

Die eigene Wahrnehmung reflektieren

Empathisch zu sein und versuchen in die Welt von Menschen mit Autismus zu verstehen. Von Joe habe ich gelernt, die kleinen Dinge in meiner Umgebung wahrzunehmen. Er reagierte zu Beginn recht sensibel auf den Wechsel Sonne – Wolken – Sonne.

 

Wenn ihr euch einmal auf eine Wiese stellt, dann beobachtet mal, wie sich eure Umgebung durch dieses Naturschauspiel verändert. Schatten entstehen, legen sich auf Bäume, Hecken, nur um gleich wieder zu verschwinden und die satten Farben hervorzubringen.

 

Für ein Kind, das nicht in der Lage ist, diese Informationsflut zu verarbeiten, kann das einen Weltuntergang bedeuten. Angstzustände folgen dann, bis hin zu Panikattacken. In einem geschlossen Raum, in dem sich das Licht ständig ändert, durch Sonne und Wolken, kann es dazu führen, dass Kinder mit Autismus den Bezug zu ihrer Umgebung verlieren und das Gefühl haben, zu fallen.

 

Es entsteht das starke Bedürfnis, sich zum Beispiel auf den Boden zu legen oder aber in engen, kleinen Nischen Schutz zu suchen.

 

Bei ABA ist das nicht erlaubt. Das Kind MUSS am Tisch sitzen bleiben während der Sitzungen. Es wird also eine Angstsituation verstärkt, indem dem Kind sein Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit verwehrt wird.

 

Inklusion

In den ABA Sitzungen wird Kindern mit Autismus Selbstregulierung abtrainiert und sie dafür zu einem sozial erwünschten Verhalten konditioniert.

 

Wenn wir Kinder einem drill aussetzen, dann lernen sie. Wenn wir sie mit Süßigkeiten füttern, dann lernen sie süchtig nach einer Belohnung zu sein und zeigen das erwünschte Verhalten…denn das Gehirn wird immer wieder nach dem Zucker-Kick verlangen.

 

In diesem Konditionierungsprozess wird das Kind wird umerzogen. Eine künstliche Persönlichkeit mit künstlichen, für das Kind unnatürlichen Verhaltensweisen wird kreiert, die den Vorstellungen der Gesellschaft entspricht.

Das Kind darf nicht es selbst sein. Es erfährt in frühstem Alter:

 

„wenn du dich nicht anpasst, dann bist du nichts wert,

dann hast du keinen Wert für unsere Gesellschaft.

Dein Verhalten, deine ganze Persönlichkeit

ist inakzeptabel und muss wegtherapiert werden.

Nur so kannst du ein Teil unserer Gemeinschaft sein“

 

Somit bildet sich in der ABA Therapie ein ultimatives Paradoxon:

 

Menschen mit Autismus sollen durch ABA inkludiert werden.

Doch:

Menschen mit Autismus müssen durch ABA

ihre individuelle Persönlichkeit exkludieren,

um ein Teil der Gesellschaft zu sein!

 

Ein positiver Blick auf Menschen mit Autismus

Weg von ABA, hin zu einer Sichtweise, die die einzigartige Persönlichkeit von Menschen mit Autismus sieht und akzeptiert. Sie so anerkennt, wie sie sind: Ein wertvoller Teil unserer Gesellschaft, denn sie bereichern durch ihre Vielfalt.

Mit Sicherheit benötigen viele Menschen mit Autismus mehr Unterstützung als andere, doch sollte ein Mensch dadurch an Wert und Würde verlieren? Nein!

 

Mein Fazit: Nein zu ABA!

 

Wer noch nicht genug hat und mehr Informationen und Einsicht in Erfahrungsberichte möchte, findet hier weitere Auseinandersetzungen mit dem Thema:

 

 „Für Lovaas waren Autisten „nur im physischen Sinne Personen, aber keine Persönlichkeit im psychologischen Sinne“

http://www.taz.de/!5358260/

 

„Tatsächlich handelt es sich bei ABA um eine Methode, deren Prinzipien auch auf die Umerziehung von Homosexuellen verwendet wurden“

http://autisten.enthinderung.de/aba/

 

 „Als ich mehr und mehr Blogs und Artikel von Autisten fand, die ihr aus ABA resultierendes Trauma beschrieben, war ich so entsetzt, dass ich sie kaum zu Ende lesen konnte.“

https://dasfotobus.wordpress.com/2015/05/27/warum-ich-aba-verlassen-habe-eine-ubersetzung/

 

„Eine Dressur des Kindes“

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/03/autismus-kinder-verhalten

 

„Our son now carries a dual diagnosis: autism and POST-TRAUMATIC STRESS DISORDER (PTSD)”

http://www.astraeasweb.net/politics/aba.html

 

„You still have PTSD today from things that may have been done with your best interests at heart but were actually quite damaging”

http://unstrangemind.com/aba/

 

Umfangreiche Stellungnahme gegen ABA

http://www.autismus-mfr.de/autismus/archiv/

 

Umfangreiche Linksammlung zum Thema gibt es bei Ella

http://ellasblog.de/autismus/therapien-und-methoden/weitere-aba-kritik/

 

Podiumsdiskussion, Expertenmeinungen, Pro und Kontra

https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/engagierte-diskussion-ueber-aba-therapie.html

 

 

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