„Ich ziehe nach Irland, es wird mir schon gefallen“ Pustekuchen!

Leben in Dublin

 

Vor genau einem Jahr bin ich nach Irland geflogen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Nachdem ich die Permanent Residency in Kanada nicht bekommen hatte und zurück nach Europa musste, wollte ich unbedingt wieder in einem englischsprachigen Land leben. Irland stand sowieso auf meiner travel list und landschaftlich hatte ich den Eindruck, dass es wunderschön sein musste.

 

Doch zwischen Vorstellung und Realität gibt es immer Unterschiede…

 

Ich kam im grauen, verregneten Dublin an, doch auch als ich 2012 in Vancouver landete, war es grau und verregnet. Und trotzdem habe ich mich in die Stadt verliebt.

 

In Dublin war das anders. Die Hostels waren voll von arbeitssuchenden Polen, Italienern und Spaniern, von denen sich manche mit Tellerwäscher-Jobs über Wasser hielten. Die Stimmung war bei allen am Boden.

 

Ich war überwältigt von der Hektik, dem Dreck und

der depressiven Stimmung der Menschen.

 

Bevor ich meine Reise dorthin begann, hatte ich natürlich jede Menge recherchiert und bereits herausgefunden, dass die beste Chance einen Job zu finden, in Dublin waren. Wer im Bereich IT arbeitet, kann sich glücklich schätzen, denn hier gibt es wirklich eine Menge Jobs – vor allem im Call Center…

 

Ich hatte ein paar Vorstellungsgespräche und der Transfer meines Abschlusses (Diplom in Pädagogik) war kaum ein Problem, da ich mich innerhalb Europas befand. In Kanada war das damals schwieriger, wo mir nur ein Bachelor anerkannt wurde.

In Dublin hätte ich zwischen einer Position als Nanny oder aber als Springkraft (irgendwas zwischen 16 und 30 Stunden, so genau konnte mir das der Leiter einer Kindergarten-Organisation nicht sagen) arbeiten können. Zwar hatte ich mich darauf eingestellt, wieder von vorne anfangen zu müssen, doch wollte ich nicht als Nanny arbeiten geschweige denn als Springkraft, bei der die Anzahl der Stunden so ungenau war.

 

Bei den Mietpreisen in Dublin hätte ich mir

so eine Stelle nicht leisten können.

 

Die Mietpreise sind fast so teuer wie in Vancouver, vergleichbar mit München und Hamburg, doch dafür sind die Lebensmittelpreise – dank Aldi – recht günstig.

 

Nach einer Woche in Dublin hatte ich bereits den Gedanken „Ich will hier nicht leben“, wollte aber nicht so schnell aufgeben und das „richtige“ irische Leben kennenlernen und ein Gefühl für den irischen Lifestyle bekommen.

Daher entschied ich mich, Workaway zu machen.

 

Freiwilligenarbeit, 4-6 Stunden am Tag im Tausch für Unterkunft und Essen. Ich hatte großes Glück! Eine Deutsch-irische Familie schrieb mich an, sie bräuchten dringend jemanden, der ihre Tochter in den Kindergarten brachte, am Nachmittag mit ihr spielte und Mittagessen kochte.

 

So machte ich mich auf den Weg ins irische Nirgendwo.

 

Freiwilligenarbeit inmitten verwunschener Landschaften

Mit großen Augen stand ich vor dem alten Herrenhaus, gebaut 1830, und bestaunte die umgebende Landschaft: Grüne Hügel, Weiden, ein verwunschener Garten, an dessen Steinmauern sich Efeu rankten und verborgene Tore sich wie in einem Märchen auftaten.

 

Bei einem Spaziergang mit meiner Gastgeberin und ihrer Tochter kamen wir zu einem Feenring: Eine kreisrunde, grüne Grasfläche mit einem Durchmesser von ca. 5 Metern, umgeben von Büschen und Sträuchern. Ich kannte die Bedeutung der Feenringe nicht, trat näher heran, um durch einen Spalt in den Büschen hindurch zu gehen und wurde aufgeregt von der kleinen Celine gestoppt.

 

„Du darfst da nicht rein, sonst wirst du von den Feen verflucht!“

 

Und so lernte ich eine der keltischen Sagen kennen, über die in Irland jeder Bescheid weiß: Feenringe, die bewohnt sind von magischen Feen. Sie sind ein lebensfrohes, feierndes Völkchen. Wer den Kreis und damit die Welt der Feen betritt, wird entweder dort gefangen gehalten oder aber verflucht. Mehr Informationen dazu hier -> https://en.wikipedia.org/wiki/Fairy_fort

 

Das wollte ich nicht riskieren 😉

 

Leben im Herrenhaus

Die Familie stammte beiderseits aus wohlhabenderen Kreisen, doch habe ich noch nie solch nette, aufgeschlossene, bescheidene und bodenständige Menschen getroffen, die verdammt hart arbeiteten.

 

Am Morgen half ich ihrer fünfjährigen Tochter Celine beim Anziehen, brachte sie in den Kindergarten (in dem ich sogar in meiner zweiten Woche dort einen Morgenkreis mit den Kindern machen durfte) und dann hatte ich erst einmal ein paar Stunden für mich. Erkundete das Gelände, schrieb meinen Blog und sinnierte darüber nach, was ich mit meinem Leben anfangen sollte.

 

Mittags kochte ich das Mittagessen für die Familie! Ich liebte es! Nicht nur, dass ich frei entscheiden durfte, was gekocht wird, sondern auch die Art und Weise, wie die Küche ausgestattet war! Seht selbst:

 

Es kam mir vor, als dürfe ich in einem Museum kochen 🙂

 

Für die Helfer gab es im Keller eine geräumige Wohnung, drei Schlafzimmer, Badezimmer (leider ohne Heizmöglichkeiten) und einen Wohnraum mit einer Küche.

Geheizt wurde größtenteils mit Holzöfen, die im ganzen Haus verteilt standen.

 

Regenwasser vom Dach wurde zum Spülen und Waschen genutzt.

Obst und Gemüse wurde erst weggeworfen,

wenn es übersät war mit Schimmel.

 

Urlaub in Irland? Ja! Leben in Irland? Nein!

Ich wusste schon nach ein paar Tagen im Nirgendwo, dass ich mir ein Leben in Irland nicht vorstellen konnte. Die Jobchancen waren unterirdisch; die Mietpreise kaum bezahlbar mit dem Gehalt, was ich verdienen würde; die Pub-Kultur war auch nicht meins, denn ich bin nicht der Typ, der sich jeden Abend in einen Pub begibt, um ein soziales Leben zu führen.

 

Keine Frage – die Landschaft war sehr schön! Schön, um dort Urlaub zu machen. Das Drumherum jedoch nicht schön genug, um dort zu leben.

 

Nach vier Wochen flog ich zurück nach Deutschland, hatte bereits Termine für Vorstellungsgespräche und auch wenn ich nicht nach Deutschland zurück wollte, hatte ich doch ein wenig Optimismus im Gepäck, dass alles irgendwann gut werden würde – und landete in einem Job, der nicht schlimmer hätte sein können…

 

Mein Fazit

Ich werde mit Sicherheit nicht mehr sagen „ich ziehe da und da hin, es wird mir bestimmt gefallen“, wenn ich noch nie vor Ort war und das Leben und die Atmosphäre im Land nicht erlebt habe.

 

Meine Anpassungsfähigkeit und Flexibilität sind im Grunde genommen positive Eigenschaften, es hat mich in die Situation gebracht, etwas Neues auszuprobieren, ins Unbekannte zu springen – und mich unwohl zu fühlen. Schlimm? Nein. Ich war froh, es wenigstens ausprobiert zu haben.

 

Die positiven Seiten meines Aufenthaltes? Ich hatte eine Menge Zeit zu schreiben und genoss jede einzelne Minute! 🙂

 

(Bilderhafte Impressionen findet ihr hier auf facebook -> klick mich)

 

4 Gedanken zu „„Ich ziehe nach Irland, es wird mir schon gefallen“ Pustekuchen!

  1. Dein Beitrag hat mir so eben die Augen geöffnet, was für ein Glück ich doch hatte. Ich bin für ein 5-monatiges Praktikum nach Malta gezogen, ohne jemals zuvor dagewesen zu sein. So wie du habe ich gedacht „Ach, dass wird mir schon gefallen“. Und ja, Malta gefällt mir auch, und ich überlege sogar derzeit, etwas länger zu bleiben. Wenn ich aber so lese, dass es natürlich auch schief gehen kann, einfach auf gut Glück in ein anderes Land zu ziehen. Ich für mich hatte das irgendwie gar nicht so in Erwägung gezogen 😀

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar 🙂 Ja, als ich nach Vancouver bin, hatte ich auch Glück. Damals bin ich nämlich mit der gleichen Einstellung hin. Wow, Malta, wie schön! 🙂

  2. Hallo,
    ein interessanter Bericht. Irland stelle ich mir ja auch toll vor …
    Ich finde klasse, was du da gemacht hast. Und um die Erfahrung bist du jetzt reicher 🙂 Und die Küche im Herrenhaus ist ja Weltklasse!
    Liebe Grüße!

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