„Ich wusste mit meiner Antriebslosigkeit und Unlust nichts anzufangen“

Ein Interview mit Markus von www.verbockt.com über ein Leben mit Depression

 

Wie hast Du gemerkt, dass etwas nicht stimmt?


Am Anfang war mir das gar nicht so bewusst. Ich habe gemerkt, dass ich mich in schweren Phasen in eine Scheinwelt flüchte. Ich habe schnelle Antworten gegeben, damit mein Gegenüber auch ebenso schnell Ruhe gibt und mich in Ruhe lässt. Über Jahre hat das prima geklappt, auch wenn mir vertraute Menschen immer einen Schuss vor den Bug gegeben haben, als sie meine Lügen herausgefunden haben.

 

Ich wusste mit meiner Antriebslosigkeit, Unlust und

dem ständigen Zurückziehen nichts anzufangen,

bis mein damaliger Chef mich zur Seite genommen

und die richtigen Fragen gestellt hat.

 

Erst dann wurde mir bewusster, dass ne ganze Menge nicht in Ordnung ist und ich – entgegen aller Vorurteile – mal zum Psychologen gehen sollte. Das war mein Einstieg. 

 

Wie ging es Dir als Du die Diagnose Depression bekamst?


Das hat sogar gedauert. Bei meinem ersten ambulanten Therapeuten ging es vorrangig um die problematische Beziehung zu meinen Eltern, aber nicht mit fester Diagnose. Durch einen Umzug habe ich auch den Therapeuten gewechselt. Meine Symptome hatten sich verschlechtert.

 

Ich hatte mir inzwischen eine so große Lügenwelt aufgebaut,

dass ich nicht mehr weiter wusste und

sich Suizidgedanken eingeschlichen haben.

 

Die erste Diagnose? Manisch depressiv. Tabletten. Tagsüber um die Stimmung in einem normalen Level zu halten, abends zum Schlafen.

 

Je mehr ich nach der Diagnose geguckt habe, desto schlechter ging es mir. Ein Stimmungstagebuch hat dann alles schwarz auf weiß gezeigt. Ich habe die Therapie abgebrochen, nachdem er eine zweite und dritte Krankheit in Betracht gezogen hat. Es hat Jahre gedauert, bis ich endlich wieder den Mut hatte, überhaupt etwas tun zu wollen.

 

Ich habe in der Zwischenzeit meine Partnerin kennengelernt, die viel in mir ausgelöst und beigestanden hat. Ich habe mich dann auf kurzem Weg für die Tagesklinik entschieden. Ich wollte eine richtige Diagnose haben. Das „Kind“ brauchte einen Namen, mit dem ich umgehen konnte. 

 

Wie bist Du mit der Diagnose umgegangen?


Wie geht man mit einer Diagnose um? Ganz am Anfang hat mich das alles aus der Bahn geworfen. Zwischendurch brauchte ich die Diagnose als Sicherheit. Heute ist eine Diagnose ein formloser Begriff. Genauso wie die ICD Kennung für die Krankenkassen. Es gibt nicht „die Depression“. Es gibt immer andere Begleiterscheinungen. 

 

Was hat sich in Deinem Leben verändert?


Eine ganze Menge. Über die letzten 4 Jahre habe ich den Großteil der depressiven Phasen überwunden. Ich habe aktuell keine Suizidgedanken mehr.

 

Wichtiger ist aber auch, dass ich verstanden habe, was mir gut tut,

was die negativen Gedanken auslöst und

wo die fehlerhaften Sektoren in meiner Festplatte sind.

 

Ich habe gelernt, dass der Großteil nur über die Akzeptanz geht. Ich habe all die Dinge wieder in eine geordnete Bahn gelenkt, die ich vorher nicht lenken konnte. Finanzielle Probleme, Arbeitslosigkeit, Lügen, die aus den depressiven Episoden resultierten, sind heute eben die Dinge, um die ich mich gerne kümmere.

 

Ich bin glücklich in Arbeit, die mich ausfüllt. Ich kümmere mich gerne um meine Finanzen und meine Post. Ich habe noch immer die Partnerin, die so wichtig wurde und bin Vater eines wundervollen Jungen. 

 

Wie geht es Dir heute mit Deiner Depression?


Grundsätzlich gut. Sie ist manchmal da, manchmal nicht. Meine Gefühle sind da auch gerne mal wechselhaft wie das Wetter. Wichtig ist nur, dass ich nicht dagegen arbeite, sondern die Tage zulasse. 

 

Gibt es manchmal noch Tage/Situationen, in denen es schwer für Dich ist?


Ja, definitiv. Ich für mich finde es auch nicht so schnell „heilbar“. Ich habe mit der Depression leben gelernt.

 

Und manchmal gibt es eben genau die Momente,

wo alles wieder zu schwer erscheint, dich erdrückt und lähmt.

Dann kommen wieder all die Gedanken auf,

die mich über Jahre zerfressen haben und wollen es wieder tun.

 

Heute bin ich den entscheidenden Schritt weiter, lasse sie bis zu einem bestimmten Maß zu und kümmere mich dann um mich. Gedanken kommen und gehen. Und die Gedanken sind zum Glück oft nicht die Wahrheit! 

 

Hat sich Deine Sichtweise auf das Leben verändert?


Ja. Ich war von je her schon ein Gefühlsmensch.

Durch die Jahre mit Suizidgedanken,

genieße ich heute jeden Tag umso mehr.

Jeder Tag hat etwas Positives.

Mein Leben ist lebenswert, das ist die entscheidende Wendung. 

 

Auf Deinem blog teilst Du Deine Erfahrungen mit anderen, welches Ziel verfolgst Du mit Deinem blog?


Angefangen habe ich mit dem Blog, weil ich mich mitteilen wollte. Ich wollte unter einem Pseudonym – was heute meinem richtigen Namen gewichen ist – all das offen sagen können, was im wahren Leben nicht möglich war.

 

Ich wollte Tagebuch führen und mich der Öffentlichkeit stellen.

 

Ich wollte überprüfbar für mich selbst sein. Es sollte meine Stelle sein, wo ich ungezwungen reden kann.

 

Ich wollte so frei reden, dass ich keine freundliche Blümchenschreibstile benutzen muss, sondern einfach frei raus. Was „scheiße ist, soll auch scheiße sein und so genannt werden“.

 

Der positive Nebeneffekt? Andere Betroffene und Angehörige können mitlesen. Sie haben jemanden, der vielleicht genau das erlebt, was sie gerade selbst erleben.

Das Ziel ist nach wie vor so definiert – auch wenn aus vielen negativen Artikeln oft gute geworden sind.

Kurz: Ich schreibe für mich und zeige anderen, dass es nicht weh tun muss, darüber zu reden.

 

Welche Rückmeldungen bekommst du zu deinem blog?


Vorab: Bis dato bin ich von einem Shitstorm und dämlichen Kommentaren verschont geblieben.

 

Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Es gibt Lob, freundliche Kritik, die eigene Lebensgeschichte, viele Dankeschöns, kurze und lange Mails, mittlerweile zwei wunderbare Kontakte und und und.

 

Über die Zeit war viel Resonanz dabei, keine war bis heute schlecht.

Auch für mich ist es immer wieder schön, wenn Menschen sich verbunden fühlen und nicht mehr allein sein müssen. 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.