Homeschooling? Unschooling?? Ab in die Schule!

2011 lebte ich für fast 6 Monate in Neuseeland und arbeitete als Nanny für eine Familie, die ihre zwei Söhne zu Hause unterrichtete. Zwar hatte ich während meines Pädagogik-Studiums von ‚homeschooling‘ gehört, doch war es nun meine erste persönliche Begegnung mit dem alternativen Konzept. Erst nach meiner Ankunft erfuhr ich, dass die Familie die unstrukturierte Form von homeschooling, nämlich UNSCHOOLING, gewählt hatte.

Wie sah das Leben in der Familie aus?

Jeremy (Name geändert), 5 Jahre alt, im unteren Bereich des Autismus Spektrums, verbal. Sein 13jähriger Bruder Quinn (Name geändert), wurde zu Hause unterrichtet, weil er in der Schule unterfordert war.

Ihre Mutter Miranda, Lehrerin, war den ganzen Tag zu Hause, wo sie an einer neuen Businessidee arbeitete und mit Quinn lernte. Ab und zu sah ich, wie sie an einer großen, weißen Tafel Formeln aufschrieben oder Aufgaben rechneten.

Vater Kendrik war ebenfalls zu Hause, er arbeitete im Finanzwesen.

Auch wenn unschooling wenig bis keine Struktur bedeutete, hieß das nicht, dass die Familie keinen geregelten Tagesablauf hatte. Zwischen 8:00 und 8:30 wurde immer gefrühstückt, dann ging ich mit Jeremy zum Playcentre, um 12:30 gab es lunch, um 15:00 den Kekse und Kaffee und um 17:30 Abendessen.

Für die Familie war sehr wichtig, diese Routine zu haben. Das Abendessen war die wichtigste Zusammenkunft. Hier wurde über den Tag gesprochen, was hatte Quinn gelernt, was will er mehr darüber wissen? Was waren highlights des Tages. Jeder erzählte und tauschte sich aus. Es wurde auch über die aktuelle Nachrichten gesprochen, wer hatte in der Zeitung oder im Internet gelesen, im Radio gehört?

Die Familie hatte zwar einen Fernseher, doch der wurde kaum genutzt. Manchmal schauten sie zusammen einen Film am Wochenende.

Unschooling

Für Jeremy stand im Vordergrund, dass er nicht in die Schule gehen und wie Quinn zu Hause unterrichtet wird. Miranda wollte zum einen nicht, dass er gesundheitlichen Risiken in der Schule ausgesetzt ist. Zum anderen wollte sie ihn vollkommen natürlich, ohne den Einfluss von Schule aufwachsen lassen.

Der grundlegende Ansatz bestand darin, dass Jeremy die Chance haben sollte, in seinem natürlichen Tempo zu lernen in einer anregenden Umgebung. Eine spezielle Förderung war nicht vorgesehen. Zwar nahmen sie an einem Programm teil, das vorschrieb regelmäßig Aufgaben mit Jeremy durchzuführen. Doch dies wurde nicht sehr forciert.

Einmal war eine Ergotherapeutin da, die Miranda nach ihren Zielen für Jeremy fragte. Sie antwortete „Wir haben keine speziellen Ziele. Wenn er lernt, dann lernt er.“

Quinn’s Bildung sah schon etwas anders aus. Er hatte auch viel Freiraum, wie und was er lernte. So erzählten sie mir, dass er letzte Weihnachten ein paar Wochen lang sich ausschließlich darauf konzentrierte, Gitarre spielen zu lernen. Oder an der Entwicklung eines Brettspiels arbeitete. Überwiegend lernte er jedoch die Fächer, die er auch in der Schule lernen würde.

Als sie beschlossen, im Sommer Urlaub in den Niederlande zu machen, fing er an, die Sprache zu lernen, um sich dort verständigen zu können.

Um Teamwork mit anderen Kindern zu fördern, schickten seine Eltern ihn einmal die Woche zum Basketballtraining. Außerdem traf er sich jeden Freitag mit anderen Kindern, die zu Hause unterrichtet wurden, um gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten.

Wie war das für mich?

Meine Ausgangslage: Sozialpädagogin, zuvor 6 Jahre in der Kinder- und Jugendhilfe mit sozial benachteiligten Familien gearbeitet sowie mit Kindern/Jugendlichen mit einer Verhaltensauffälligkeit und meist auch Lernbehinderung. Die Arbeit mit den Kindern war sehr strukturiert. Sie brauchten die Struktur und Vorhersehbarkeit, da sie zu Hause oft keine Struktur hatten. Für sie bedeutete Struktur auch Aufmerksamkeit. Jemand, der darauf achtet, dass Regeln eingehalten werden, ist auch da, um zu sehen, ob die Regeln eingehalten werden.

In meinem Studium sowie in meiner Arbeit hatte ich gelernt, dass „Lernen“ immer ein Ziel haben sollte, etwas, worauf man hinarbeitet. Den Lernprozess und das Ergebnis vorhersehen können, einen bestimmten Weg einzuschlagen, und der Pädagoge/Lehrer führt und leitet durch den Bildungsprozess, das war immens wichtig – so zumindest habe ich es gelernt.

Und dann kam ich in diesen unstrukturierten Ansatz und sah mich plötzlich damit konfrontiert loszulassen, dem Lernprozess des Kindes zu folgen, nicht in jeder Minute zu fördern und zu fordern, keinen Plan aufzustellen, wie ein bestimmtes Ergebnis am Besten erreicht werden kann.

Das war, ehrlich gesagt, eine Grenzerfahrung für mich. Während ich durch Playcentre einen sehr lockeren und entspannten Ansatz im Bereich Frühkindliche Bildung kennen gelernt hatte, sah ich mich nun mit einem ebenso entspannten Ansatz im Bereich Schule konfrontiert. Ich hatte immer diese Vorstellung, dass im Kindergarten durch Spiel gelernt wird und in der Schule durch klar strukturierte Themen. Und hier gab es keinen Stundenplan. Kaum bis keine Struktur.

Am Anfang kam mir alles sehr chaotisch vor und LANG! Ich war es gewohnt, dass die Zeit schnell rumgeht, weil in der sozialen Gruppenarbeit immer Aktivitäten angeboten wurden. Doch hier blieb die Zeit auf einmal – gefühlt- stehen, weil ich mich auf Jeremy’s Tempo eingelassen habe (und das hieß manchmal 1 Stunde lang auf einer Bank sitzen und einfach eine Baustelle beobachten – er hat es geliebt! Einfach beobachten und entdecken.

Doch was mir am Schwersten fiel, war das Loslassen. Sich zurücklehnen und mit ihm gemeinsam beobachten. Loslassen von dem Gedanken, dass ich doch jetzt als professionelle Fachkraft eingreifen und lenken sollte.

Denn das ist die Schwierigkeit beim unschooling. Es gibt eine feine Linie zwischen lenken und loslassen. Beim unschooling geht es insbesondere um eine stimulierende Lernumgebung, es geht darum Impulse aus der Umgebung aufzugreifen, die für das Kind interessant sind. Natürlich konnte ich Elemente in die Lernumgebung einfügen, doch sollte es nicht zu sehr von mir ausgehen. Das Kind und seine Interessen und Bedürfnisse standen im Vordergrund.

Ich hatte oft den Wunsch, mit den Eltern zu sprechen und meine Methoden durchsetzen zu wollen. Doch das empfand ich als respektlos. Sie hatten diesen Ansatz gewählt, sie sind die Eltern des Kindes, sie sind diejenigen, die bestimmen. Sie haben das Recht darauf zu entscheiden, welche Bildung ihr Kind erhält. Das sollte ihnen niemand wegnehmen, darüber sollte niemand negativ urteilen. Also habe ich mich auf den unschooling Ansatz eingelassen, auch wenn es mir schwer fiel.

Ich unterstützte Jeremy also in seinem Lernprozess, wo es ging, aber versuchte auch meine Arbeit nach dem unschooling Ansatz auszurichten. Das war nicht leicht, aber ich lernte eine ganze Menge dazu! Vor allem darüber, wie wir Kinder sehen. Wie und in welchem Maße ihr Lernprozess durch Erwachsene beeinflusst wird – und wie schwer es Erwachsenen und vor allem professionellen Fachkräften fällt, loszulassen und sich auf das Lerntempo des Kindes einzulassen.

Ich habe in dieser Zeit viel darüber nachgedacht, wie wir Kindern und Jugendlichen mit besonderen Bedürfnissen begegnen. Ich war es gewohnt, dass von den Defiziten ausgegangen wird, die behoben werden müssen. Auf dem Papier, in den pädagogischen Ansätzen, wird immer wieder von „Stärkenorientierung“ gesprochen. Doch die Praxis in Deutschland hat mich etwas anderes gelehrt.

In Neuseeland habe ich damals zum ersten Mal eine „echte“ Stärkenorientierung entdeckt – im unschooling und homeschooling Ansatz. Und ich begann meine Rolle als Sozialpädagogin, und wie ich zu meinen Klienten stehe, zu überdenken.

Und damit fingen erst die richtigen Probleme an, denn ich merkte, dass ich mit den durchstrukturierten Bildungssystemen in Deutschland plötzlich nicht mehr klar kam. Ich hatte den Unterschied kennen gelernt, hatte die positiven Seiten gesehen und sah auf einmal, dass in Deutschland Eltern nicht das recht haben, frei über die Bildung ihres Kindes entscheiden zu dürfen. Warum? Weil in Deutschland nicht nur Bildungspflicht sondern auch Schulpflicht gilt. Jedes Kind muss zur Schule gehen. Zwar besteht für Eltern die Möglichkeit die Schule frei zu wählen, doch dürfen sie sich nur innerhalb dieser vorgegebenen Struktur bewegen.

Doch zu Hause dürfen Eltern ihr Kind in Deutschland nicht unterrichten und damit wird ihnen das Recht auf Wahl der Bildung ihres Kindes genommen.

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