Hausunterricht – eine lohnende Alternative zum derzeitigen Schulsystem? (Teil 1)

Seit ich 2011 in Neuseeland für eine Familie gearbeitet habe, die unschooling praktizierte, war ich fasziniert von der Idee des Homeschooling bzw. Hausunterrichts. Als ich vor fast einem Jahr erneut in Neuseeland war, habe ich ein Interview mit Valda und Ellen zu ihren Erfahrungen mit homeschooling bzw. unschooling geführt und war begeistert von den Gestaltungsmöglichkeiten, die Hausunterricht bietet (mehr dazu später in Teil 2).

 

Zurück in Deutschland merkte ich schnell, dass mich zwei Gedanken sehr stark beschäftigte:

Mit dem deutschen Schulsystem, so wie es jetzt ist, stimmt etwas nicht.

 

Mir fiel auf, dass Eltern eine Auswahl an Schulformen und Schulen gegeben wird, doch das Recht auf die Wahl der Gestaltung von Bildungsprozessen fehlt.

 

Kinder haben ebenfalls kein Mitspracherecht. Als Grundlage für die Nicht-Beteiligung von Kindern an dieser Diskussion wird oftmals das Argument angebracht, Kinder seien nicht dazu in der Lage zu entscheiden, welche Form von Bildung die Richtige für sie ist.

 

Doch ist das wirklich so? Oder liegt es nicht eher im Auge des Betrachters, welche Fähigkeiten Kindern zugesprochen werden?

 

Das Bild vom Kind – wie es sein sollte

Sehen wir Kinder

  • als kompetente Personen,
  • mit Rechten und Pflichten,
  • als neugierige, forschende, entdeckende und fragende Menschen,
  • die fähig sind, Entscheidungen zu treffen, Bedürfnisse und Interessen zu äußern,

dann sprechen wir ihnen eine bedeutende Rolle in der Gestaltung des eigenen Bildungsprozesses zu.

 

Rolle der Eltern

Eltern entscheiden, was sie für das Beste für ihre Kinder halten. Eltern kennen die Stärken, Interessen und Bedürfnisse ihrer Kinder; sie wissen, wie sie ihre Kinder motivieren können, weiter zu machen; trösten ihre Kinder, wenn sie stolpern, stützen und fangen auf. Eltern geben Kindern Stabilität, Liebe, Nähe und Aufmerksamkeit und stellen so den Nährboden bereit, in dem ihre Kinder wachsen können.

 

Eltern sind Experten für ihre Kinder!

Warum wurde ihnen also dieser Expertenstatus weggenommen? Warum dürfen sie nicht über die Gestaltung von Bildungsprozessen für ihre Kinder entscheiden?

 

Hierzu ist es wichtig, sich den historischen Hintergrund zur Entstehung der allgemeinen Schulpflicht in Deutschland anzuschauen:

 

Geschichtlicher Hintergrund zur allgemeinen Schulpflicht in Deutschland

Bevor die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde, gab es lediglich Unterrichtspflicht. Kinder mussten unterrichtet werden und wer dazu nicht in der Lage war, stellte Privatlehrer ein oder schickte die Kinder zu Privatschulen. Doch nicht jeder konnte sich das leisten und um die breite (Kinder-) Masse mit Bildung zu erreichen, wurde die Schulpflicht eingeführt.

 

Das war im 18. Jahrhundert.

 

Vor fast 100 Jahren wurde die Schulpflicht dann auch gesetzlich verankert:

 

„Erst in den Beratungen der Weimarer Verfassung und im Grundschulgesetz wurden seit 1919 die neuen und bis heute unveränderten Vorgaben formuliert und anstelle der Unterrichtspflicht für ganz Deutschland erstmals die Schulpflicht gesetzt.“ (Quelle: Art. 145 der Verfassung von 1919, http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/zukunft-bildung/185878/geschichte-der-allgemeinen-schulpflicht)

 

Die Schulpflicht umfasst die Teilnahme am Unterricht, die Teilnahme an verbindlichen Veranstaltungen und Ausflügen und die Partizipation am Unterricht.

 

Derzeit ist es so, dass nur Schüler von der Schulpflicht befreit werden können, die wegen Behinderung oder Krankheit nicht transportfähig sind.

 

Mit der allgemeinen Schulpflicht bestimmt der Staat den Lernort und die Lernmethoden. Das Recht auf Bildung wurde eingeführt (ALLE Kinder sollen einen Zugang zu Bildung haben), das Recht auf die „Wahl der Gestaltung von Bildung“ wurde Eltern und Kindern allerdings entrissen.

 

Es lässt sich nicht bestreiten, dass zu jener Zeit die Einführung der Schulpflicht sinnvoll war. So hatten Kinder vom Land, die auf Höfen und Feldern mitarbeiteten, durch die allgemeine Schulpflicht ebenfalls die Möglichkeit, sich zu bilden.

 

Doch wie oben bereits erwähnt, wurde das Gesetz seit fast 100 Jahren nicht mehr verändert. Immer wieder gibt es Familien, die versuchen ihr Recht auf Wahl der Gestaltung von Bildung für ihre Kinder durchzusetzen.

 

2006 klagte eine streng religiöse Familie  ihr Recht auf Glaubensfreiheit und religiöse Erziehung ein, doch das Bundesverfassungsgericht wies die Klage zur Befreiung ihres Kindes von der Schulpflicht mit folgender Begründung ab:

 

„Die Eltern beriefen sich auf ihre Grundrechte auf Glaubensfreiheit und auf religiöse Erziehung der Kinder. Diese religiöse Erziehung sei in öffentlichen Schulen nicht gewährleistet.“ (Quelle: http://vgstuttgart.de/pb/,Lde/1219872/?LISTPAGE=1219728)

 

Wichtig ist in an dieser Stelle nicht die religiöse Motivation der Eltern, sondern dass sie ihr Recht auf „Wahl der Gestaltung von Bildung“ (nämlich Hausunterricht) versuchten, durchzusetzen.

 

Schauen wir uns einmal die Begründung an, mit der das Bundesverfassungsgericht die Klage ablehnte:

 

„Die Allgemeinheit hat ein berechtigtes Interesse daran, der Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten ‚Parallelgesellschaften‘ entgegenzuwirken und Minderheiten zu integrieren. Integration setzt dabei nicht nur voraus, dass die Mehrheit der Bevölkerung religiöse oder weltanschauliche Minderheiten nicht ausgrenzt; sie verlangt auch, dass diese sich selbst nicht abgrenzen und sich einem Dialog mit Andersdenkenden und -gläubigen nicht verschließen (…)“ (Quelle: http://vgstuttgart.de/pb/,Lde/1219872/?LISTPAGE=1219728)

 

In der Begründung zeichnet sich für mich ein Bild ab, das geprägt ist von Vorurteilen und Vorannahmen, aber auch von Ängsten und Sorgen (dazu mehr in Teil 3).

 

Es wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass Hausunterricht eine Gefahr darstellt, nämlich dass

– durch Hausunterricht eine religiöse Parallelgesellschaft entsteht,

– Minderheiten durch den Hausunterricht von der Gesellschaft ausgeschlossen werden,

– Familien, die Hausunterricht praktizieren, nicht in Interaktion mit ihrer Umgebung stehen.

 

Ich frage mich, auf welcher Grundlage diese Argumente vorgebracht werden? Gibt es Studien, die belegen, dass durch Hausunterricht Parallelgesellschaften entstehen? Oder bestimmte Bevölkerungsgruppen sich von der Gesellschaft abgrenzen?

 

Der Blick über den Tellerrand – Deutschland im internationalen Vergleich

Fortschritt wird in Deutschland groß geschrieben. In der Wirtschaft werden neue Konzepte erprobt und neue Modelle entwickelt, sie geht mit dem Lauf der Zeit und passt sich den veränderten Rahmenbedingungen an und ja, manchmal wächst sie sogar über sich selbst hinaus.

 

Warum also fällt es so schwer, dies auch auf das Bildungssystem zu übertragen und ein wenig offener zu sein für alternative Konzepte und Ansätze, die wertvoll für den Fortschritt und das Gemeinwohl der Gesellschaft sein könnten?

 

Wenn wir uns andere (westliche) Länder weltweit anschauen, dann fällt schnell auf, dass Deutschland eine der wenigen Ausnahmen ist, in denen Hausunterricht illegal ist:

 

Länder, in denen Hausunterricht erlaubt ist:

Europa: Österreich, Liechtenstein, Frankreich, Portugal, Großbritannien, Luxemburg, Belgien, Dänemark, Finnland, Norwegen, Irland, Polen, Italien, Spanien

Weltweit: USA, Kanada, Neuseeland, Australien

 

Europäische Länder, in denen Hausunterricht NICHT erlaubt ist:

Deutschland, Schweden, Niederlande (hier gibt es allerdings Ausnahmen für sehr religiöse Familien)

 

An dieser Stelle wünsche ich mir, dass Deutschland über den Tellerrand und den Ozean schaut und nachfragt, wie andere Länder mit Hausunterricht umgehen, welche Meinung sie dazu haben, wie sie Probleme bewältigen und so weiter und so fort.

 

Zwischenfazit

– Kinder und Eltern haben kein Recht, den Bildungsprozess von Kindern aktiv mitzugestalten

– Die allgemeine Schulpflicht wurde in Deutschland eingeführt, um allen Kindern Bildung zu ermöglichen

– Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, in denen Hausunterricht NICHT erlaubt ist

 

Die historische Grundlage ist durchaus logisch und hat der breiten Bevölkerung Bildung ermöglicht. Doch diese Argumentation wurde vor 100-200 Jahren angebracht. Die Zeiten haben sich geändert und in mir kommen weitere Fragen auf:

 

Ist die allgemeine Schulpflicht in Deutschland überholt?

Welche Möglichkeiten würden sich durch Hausunterricht eröffnen?