Hausunterricht – eine lohnende Alternative zum derzeitigen Schulsystem in Deutschland? (Teil 2)

Welche Möglichkeiten eröffnen sich durch Hausunterricht, die im schulischen Rahmen kaum umsetzbar sind?

 

Kindorientierung und Partizipation

Unter Kindorientierung wird verstanden, dass sich Unterricht auf die Interessen und Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet ist. Voraussetzung dafür ist die Beteiligung von Kindern an der Gestaltung des Bildungsprozesses. Im aktuellen Schulsystem ist das kaum umsetzbar, da sich Lehrer an den von der KMK erstellten Lehrplan halten und bestimmte Themen in einem festgesetzten Zeitrahmen abarbeiten müssen.

 

Bei Hausunterricht sind Kindorientierung und Partizipation ein integrativer Bestandteil. Kinder werden an der inhaltlichen Umsetzung beteiligt und der Lehrer kann auf ihre Neigungen, Interessen und Stärken eingehen.

 

Stärkenorientierung

Stärkenorientierung bedeutet, eine positive Sicht auf die Fähigkeiten des Schülers zu haben. Das, was er gut kann, wird hervorgehoben. Das, was er nicht gut kann bzw. was ihn gar nicht interessiert, wird weiterhin bearbeitet, doch nicht in gleichem Maße, wie die Themen, in denen sich der Schüler sicher fühlt. Damit wird sein Selbstbewusstsein gestärkt. 

 

Frei sein von Leistungsdruck und ständiger Bewertung

Die Lernerfolgskontrolle ist eines der wichtigsten Messinstrumente im deutschen Schulsystem. Der gelernte Stoff wird in Regelschulen in Tests und Klassenarbeit schriftlich abgefragt und am Ende des Schulhalbjahres gibt ein Zeugnis darüber Auskunft, was der Schüler gelernt hat.

 

Aber zeigt ein Schulzeugnis wirklich, was ein Schüler gelernt hat?

 

Schüler sind heutzutage einer ständigen Bewertung ausgesetzt, sie können das Gelernte kaum verarbeiten, da steht schon der nächste Test an. Angst vor einer schlechten Note kann den Schüler lähmen und seine mentale Gesundheit beeinflussen. Viele Schüler sind den Anforderungen und dem Leistungsdruck der Schule heutzutage nicht mehr gewachsen.

 

Flexibilität der Lernzeit

Während des Studiums hatte ich endlich die Freiheit zu den Uhrzeiten zu lernen, zu denen ich mich schon immer am besten konzentrieren konnte: Morgens zwischen 9:00 und 11:00 Uhr, nachmittags ab 15:30 Uhr bis max. 18:00 Uhr und abends ab 20:00 Uhr. Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, dann erinnere ich mich, dass ich schon damals eine Nachteule war. Vormittags ist es mir oft sehr schwer gefallen, zu lernen. 

 

Mediziner haben bestätigen, dass Schüler ab 9:00 Uhr am besten lernen können. In anderen Ländern richten sich Schulen nach dem Biorhythmus der Schüler, der Unterricht fängt deutlich später an(Beispiel: In Kanada beginnt der Unterricht um 8:45 Uhr).

 

Hausunterricht bietet die Möglichkeit MIT dem Biorhythmus von Kindern zu gehen. Morgens müssen Schüler sich nicht abhetzen, um in die Schule zu gehen. Sie können ausschlafen und dann mit dem Lernen beginnen, wenn ihr Körper bereit ist.

 

Warum arbeiten wir in Deutschland also GEGEN den Biorhythmus von Schülern?

 

Ganzheitlichkeit und Natürlichkeit des Lernprozesses

Wenn ich von Ganzheitlichkeit in diesem Zusammenhang spreche, dann heißt das: Keine strikte Trennung von Fächern, sondern ein ineinander Einfließen von Interesse, verschiedener Themen und Situationen, die miteinander in Zusammenhang stehen.

 

Beispiel: Ein Schüler möchte gerne ein Gemüsebeet anlegen, um daraus leckere Gerichte zu kochen. Hier geht es nicht nur darum, einfach nur Gemüse anzubauen, es geht vielmehr um Folgendes: Spüren des eigenen Körpers (Wahrnehmung), Motorik (fein- und grobmotorische Fähigkeiten), Kontakt zur Natur (Gesundheit), sondern auch Wissensvermittlung in den Fächern Biologie (Insekten), Chemie (natürliches Pflanzenschutzmittel), Mathematik (Maßangaben), Sprache (verbalisieren, was man gerade tut; schriftliche Notizen), ein Ausflug zum Baumarkt oder zum lokalen Gärtner (Sozialraumorientierung), das Sammeln von Informationen in der örtlichen Bibliothek (Medienkompetenz) bis hin zur Zubereitung von Gerichten (Ernährung) und der Einladung von Freunden (Sozialkompetenz).

 

Lernmomente werden so zu einem natürlichen Bestandteil des Alltags. Der Schüler wird beim Hausunterricht in seiner Ganzheitlichkeit gesehen, wenn alle Faktoren um ihn herum in den Bildungsprozess mit einfließen.

 

 

Schüler und Lernbegleiter – Rollenverständnis

Das Bild vom Schüler ist klassisch gesehen das eines jungen Menschen, der einem Lehrer (oder Meister) untergeordnet ist.

 

Doch was würde passieren, wenn das Lernender-Lehrender-Verhältnis auf Augenhöhe stattfinden würde?

 

Dann würden Lehrer zu Lernbegleitern werden, unterstützen, wenn es erforderlich ist und Informationen und Wissen vermitteln, wenn es die Situation erfordert.

 

Des Weiteren müssen beim Homeschooling Eltern oder Privatlehrer NICHT ALLES vorab wissen, Themen können gemeinsam erarbeitet werden. Bildungsprozesse werden hier gemeinsam auf Augenhöhe gestaltet.

 

Individuelle Förderung

„Individuelle Förderung“ ist eines der Schlagwörter, das im letzten Jahrzehnt Einzug in den Bildungsbereich gehalten hat. Auf jedes Kind individuell eingehen zu können ist jedoch ohne Doppelbesetzung und bei der derzeitigen Klassengröße (20 bis 28 Kinder) kaum möglich.

 

Individuell fördern bedeutet, Lernmomente auf das Kind abzustimmen, auf seine Bedürfnisse, Interessen und Neigungen, auf seine Talente, gemäß dem Lerntempo und Lerntypen des Kindes – all das ist eindeutig durchführbar im Hausunterricht.

 

Lernumgebung und Öffnung des Lernraums

Hinzu kommt der Raum als 3. Erzieher. Bereitet der Lehrer die Lernumgebung anregend und stimulierend vor, indem Materialien und Instrumente bereitgestellt werden, ergibt sich für Kinder die Möglichkeit, selbsttätig in den Bildungsprozess einzusteigen und weitere Informationen zu erfragen.

 

Ein Lernraum sollte nicht als Raum in einem Gebäude gedacht werden. Vielmehr ist es wichtig, den Lernraum als Sozialraum zu begreifen und dieser bezieht den Stadtteil, in der die Familie wohnt, mit ein. Global betrachtet, ist die ganze Welt ein Lernraum und reisen über die Ländergrenze bieten einen exzellenten Nährboden für natürliche Lernsituationen.

 

Wenn Du die Wahl gehabt hättest, was wäre für Dich die optimale Lernumgebung gewesen?

 

Methodik und Praxisorientierung

Methoden wie Projektarbeit, Eigenlernzeit etc. wurden im letzten Jahrzehnt eingeführt als Gegengewicht zum klassischen Frontalunterricht. Den Schülern wird bspw. die Wahl gegeben,  welchem Fach sie in der Eigenlernzeit bearbeiten dürfen. Doch die Auswahl besteht nur zwischen vorgegebenen Themen.

 

Der Hausunterricht bietet die Möglichkeit zwischen vielfältigen Methoden zu wechseln. Insbesondere in Bezug auf Praxisorientierung hat der Hausunterricht den klaren Vorteil. Wie bereits oben erwähnt (Beispiel: Anlegen eines Gemüsebeets), bietet sich im Hausunterricht eine unglaubliche Chance das theoretisch Erlernte sofort praktisch anzuwenden bzw. sich Wissen per „learning-by-doing“ anzueignen.

 

Sozialkompetenzen

Valda berichtete in ihrem Interview davon, dass ihre Kinder durch das Homeschooling unerwünschtem Gruppendruck weniger ausgesetzt waren. Auch die altersübergreifenden sozialen Kompetenzen konnten besser ausgebildet werden als in der Schule, wo jeweils nur in einer Altersstufe unterrichtet wird und der Kontakt zu Älteren bzw. Jüngeren kaum stattfindet.

 

Meiner Meinung nach liegt es in der Verantwortung der Eltern, Begegnungen mit anderen Kindern zu ermöglichen. Hausunterricht bedeutet nicht, dass ein Elternteil oder ein Privatlehrer den ganzen Tag alleine mit dem Kind zu Hause ist.

 

Als ich in Neuseeland für die Familie gearbeitet habe, gab es wöchentliche Treffen mit anderen Homeschooling-Familien. Man konnte an Wettbewerben teilnehmen, Projektarbeit machen, zu workshops in andere Städte fahren.

 

Außerdem wurde der übliche Teamsport angeboten (und auch gut besucht), zu dem Homeschooling Kinder gegangen sind, um ihre Teamfähigkeit zu trainieren.

 

Sozialkompetenzen können also durchaus erlernt werden, wenn Kinder zu Hause unterrichtet werden.

 

Warum also wird dieser Punkt dennoch immer unter den ersten drei Argumenten gebracht, die gegen Hausunterricht sprechen?

 

Lest die Kehrseite der Medaille sowie die Sorgen und Befürchtungen der Deutschen zum Thema Hausunterricht in Teil 3!