Hausunterricht – eine lohnende Alternative zum derzeitigen Schulsystem in Deutschland? Ein Plädoyer

Zunächst einmal möchte ich klar stellen, dass es mir nicht darum geht, Schule abzuschaffen oder dass jede Familie ihre Kinder zu Hause unterrichten sollte.

 

Mir geht es darum, dass Eltern überhaupt die Möglichkeit gegeben wird, Hausunterricht praktizieren zu dürfen.

 

In den vorangegangenen Teilen habe ich die positiven und negativen Aspekte von Hausunterricht beleuchtet. In Teil 2 konntet ihr lesen, wie umfangreich die Auflistung der Vorteile ist, seine Kinder zu Hause zu unterrichten. In Teil 3 ging es überwiegend um die Nachteile sowie die mit Hausunterricht verbundenen Sorgen und Ängste.

 

Ein Gedanke, den ich bisher noch nicht ausformuliert habe, der aber wichtig ist in diesen Kontext einzufügen, ist, dass der aktuelle Lernbegriff überdacht werden sollte.

 

Umdenken, was „lernen“ ist

Lernen wird vor allem mit dem schulischen Lernen gleichgesetzt. Da verwundert es nicht, dass viele Menschen davon ausgehen, dass  Kinder nicht lernen würden, wenn sie zu Hause unterrichtet werden.

 

Seitdem ich für die neuseeländische Familie gearbeitet habe, die ihre Kinder nicht beschulte und die besondere Form des unschoolings gewählt hatte, hat sich mein Verständnis von „lernen“ erweitert und weiter entwickelt.

 

Wann wird gelernt? Wenn der Lehrer sagt „und jetzt wird gelernt“, beginnt dann der Lernprozess beim Schüler?

 

Jedes Kind lernt anders, aber alle Kinder wollen lernen.

 

Es besteht meist die Vorstellung, dass „lernen“ eine Fähigkeit ist, die Kindern antrainiert werden muss. Aber Kinder besitzen diese Fähigkeit von Anfang an. Es kommt auf die Umgebung an, diese Fähigkeit weiter auszubauen und sich daran zu orientieren, was die beste Umgebung für das Kind ist, damit ein Lernprozess stattfindet. Das bedeutet aber nicht, dass das Kind deswegen am Besten in einem Klassenraum mit 25 anderen Kindern lernen kann.

 

Das Schulsystem bemüht sich, individuell zu fördern, doch die wirkliche individuelle Förderung können Kinder nur zu Hause erhalten, von ihren Eltern, im kleinen Rahmen.

 

Außerdem wird in der Schule der (Lern-) Fokus darauf gelegt, dass Leistungen erbracht werden und diese Leistungen müssen überprüft werden. Es wird ein Zeitpunkt bestimmt, an dem überprüft wird, egal ob der Schüler soweit ist oder nicht.  Er muss sich dem Lerntempo der Schule anpassen – oder verliert.

 

Diese voranschreitende Beschleunigung des Lernens und die damit verbunden Strukturen haben vor allem einen Zweck: Die Schüler sollen früher auf den Arbeitsmarkt kommen und ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten bzw. zur Wirtschaft.

 

Lernen braucht Zeit. Doch schulisches Lernen wird heutzutage auf einen 45-Minuten-Takt beschränkt. Es nimmt den Kindern wertvolle Zeit, damit sich das Gelernte festsetzen kann.

 

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass der Lernbegriff sich wegbewegt von einem institutionalisierten hin zu einem ganzheitlichen Lernbegriff! Weg von „nur in der Schule wird gelernt“ hin zu „alles und überall ist lernen“. Damit wird dem Hausunterricht die Wertschätzung zugesprochen, die er verdient: Kindern die Umgebung zu geben, in der sie am besten lernen können!

 

Mehr Vertrauen in Eltern als Experten für ihre Kinder!

Es ist an der Zeit, dass Eltern wieder mehr Vertrauen geschenkt wird! Mit der allgemeinen Schulpflicht wird Eltern der Status „Experte für ihr Kind“ abgesprochen und ihre Rolle als Fürsorger und Erziehungsberechtigte erfährt eine immense Abwertung. Es wird ihnen auch kein Vertrauen, im Gegenteil, ein hohes Maß an Misstrauen entgegengebracht.

 

Alle Eltern werden unter Generalverdacht gestellt, die Bildung ihrer Kinder nicht gewährleisten zu können!

 

Progressives Deutschland? In diesem Punkt wohl nicht!

In Deutschland werden Eltern verurteilt und zu Bußgeldern verdonnert, wenn sie sich dafür entscheiden, ihr Kind zu Hause zu unterrichten. Dort, wo sich das Kind am Wohlsten fühlt.

Der Staat handelt in diesem Fall nach seinem eigenen Auftrag „zum Wohle des Kindes“. Doch was, wenn es nicht dem Wohl des Kindes entspricht, in die Schule zu gehen?

 

Im Grunde genommen wird Eltern unterstellt, dass sie nicht in der Lage sind ihre Elternrolle zu erfüllen und der Staat als Experte für Erziehung und Bildung dies übernehmen muss.

 

Gestaltung der Bildung des Kindes ist Elternrecht – nicht in erster Linie das Recht des Staates!

 

Gestaltung von Hausunterricht – Ein Versöhnungs…ähm Lösungsvorschlag, wie Sorgen und Ängste überwältigt werden können

Mit Sicherheit habe ich den ein oder anderen mit meinen Worten (spätestens nach meinen Blogeinträgen) etwas aufgebracht, daher möchte ich an dieser Stelle einen Versöhnungsvorschlag machen. Für diejenigen, die zwar nicht verstimmt, aber immer noch skeptisch sind, habe ich folgenden Lösungsvorschlag, um ihre Sorgen zu schmälern:

 

In den meisten Ländern, in denen Hausunterricht erlaubt ist, sind die Themen bzw. Fächer, die gelehrt werden müssen, vom Staat bzw. vom Lehrplan vorgegeben. Diese MÜSSEN bearbeitet werden – egal ob in der Schule oder zu Hause.

 

Doch der wesentliche Unterschied ist Folgender:

 

Ich stelle mir Hausunterricht als Baukastensystem vor.

 

Was daraus gebaut wird, entwickeln das Kind und sein Lernbegleiter gemeinsam im Lernprozess. Dazu werden unterschiedlich farbige Bauklötze (Fächer) zusammengefügt, neu geordnet, miteinander verknüpft, manche werden herausgenommen, weil es noch nicht die richtige Stelle war für jenen Bauklotz, und später wieder hinzugefügt (Lernmethoden). Manche zusammengebauten Türme sind größer, manche kleiner (Interesse und Bedürfnisse des Kindes); für manche Türme braucht das Kind einen Tag, für andere drei Monate (Lerntempo); es gibt dreieckige (Mathe), viereckige (Sprache), runde (Naturwissenschaften) und das Kind entscheidet, wie und wo diese Klötze angewendet und platziert werden. Mal wird drinnen gebaut, mal draußen im Garten, mal in der Bibliothek, mal auf dem Bauernhof (Lernumgebung).

 

In der Schule ist der Turm bereits vorgegeben. Der Schüler bekommt ein Foto vom fertigen Turm und muss ihn in einer bestimmten Zeit nachbauen.

 

Kontrollmechanismen

Um einem „Missbrauch“ vorzubeugen haben diese Länder unterschiedliche Kontrollsysteme eingerichtet, die dem Staat die Befugnis geben, zu entscheiden, wer befähigt ist, seine Kinder zu Hause zu unterrichten:

 

Antragstellung: In Neuseeland müssen Eltern bspw. in der Lage sein, ein ganzes Schuljahr zu planen, Formulare ausfüllen und vorweisen, dass die Lernbedingungen in der Regelschule nicht förderlich für das Kind sind.

Auch ist das Überprüfen der Lernumgebung (durch Besuche im häuslichen Umfeld) nicht unüblich.

 

In den meisten Ländern findet ebenfalls eine Lernerfolgskontrolle statt. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten müssen die Schüler ihre bearbeiteten Unterlagen einschicken und diese werden dann bewertet.

 

Für mich hört sich diese Gestaltung und Struktur von Hausunterricht sehr logisch an und ich verstehe nicht, warum der deutsche Staat diese Kontrollmechanismen übernimmt?

 

Fazit: Warum ist es so wichtig, das Thema „Hausunterricht“ zu diskutieren!

Immer mehr Eltern und Kinder berichten von ihrer Unzufriedenheit über das derzeitige Schulsystem. Im LBS – Kinderbarometer wird Schule als Stressfaktor Nr. 1 bezeichnet (Quelle: https://www.lbs.de/presse/p/kinderbarometer_3/kinderbarometer~2_3042950.jsp). Sicher, Schule war auch vor zwanzig Jahren schon für manch einen nervtötend. Doch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Zahl der Grundschüler mit psychosomatischen Erkrankungen (bspw. Rückenschmerzen, Kopfschmerzen) sowie Mainstream-Diagnosen wie ADHS zugenommen haben.

 

Es ist wichtig darüber zu sprechen, damit Eltern und ihre Kinder eine Wahl haben dürfen. Sie sollen die Wahl haben, zu entscheiden, welcher Weg für ihr Kind der Beste ist. Ihnen soll die Möglichkeit gegeben werden, den Bildungsprozess mitzugestalten, auf die Bedürfnisse und Interessen ihrer Kinder einzugehen und sie individuell zu fördern.

 

Die Mehrheit der Eltern in Deutschland wird ihre Kinder nicht zu Hause unterrichten wollen. Doch was ist mit denen, die sich dafür aussprechen? Diese Eltern sind auf die Unterstützung aller angewiesen!

 

Also liebes Deutschland, mach Dich auf den Weg! Es ist an der Zeit! Und mir bleibt nur noch zu sagen:

 

Ja, die allgemeine Schulpflicht ist überholt.

Und ja, Hausunterricht ist eine lohnende Alternative zum derzeitigen Schulsystem, die wir in Betracht ziehen sollten!

 

2 Gedanken zu „Hausunterricht – eine lohnende Alternative zum derzeitigen Schulsystem in Deutschland? Ein Plädoyer

  1. Hallo,
    ein ganz toller, ausführlicher Artikel zum Thema! Vor allem sehr differenziert und undogmatisch geschrieben. Finde ich richtig klasse!
    Und jetzt muss ich erstmal ein paar weitere Beiträge deines Blogs lesen gehen 😉
    Liebe Grüße, Lisa

    • Danke 🙂 Gerne auch auf fb liken, ich muss hier endlich mal den button installieren… Auf Deinem Blog habe ich übrigens auch schon ein bißchen rumgestöbert. Lustig, wir kommen aus der gleichen Gegend 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.