Gianluca (2/3): „Auf einem Frachtschiff zu reisen war fantastisch!“

Irgendwie fing es nach und nach an und ich bin mehr und mehr in ökologische Aktivitäten involviert worden. Also dachte ich mir, es wäre der beste Weg die Umwelt zu respektieren, indem ich den Zug nehme anstatt zu fliegen.

Ich habe damit angefangen, mit dem Zug oder dem Bus durch Europa zu reisen. Ich habe eine Reise von Spanien nach Finnland gemacht, die ungefähr 54 Stunden dauerte. Ich hatte nur einen 3-stündigen Aufenthalt.

 

Nachdem ich das gemacht hatte, dachte ich „vielleicht könnte ich auch einen Schritt weiter gehen“. Die nächste große Reise war dann von Spanien nach Beijing – mit dem Zug. In diesem Fall stoppte ich in Riga für einen Tag, in Moskau für zwei Tage, einen Tag in Eatkerinburg und einen Tag in Irkutsk. Insgesamt habe ich vermutlich weniger als 15 Tage gebraucht.

 

Das habe ich einmal gemacht (mit dem Zug eine Fernreise machen) und ich sah, dass es möglich war. Es dauert ein bisschen so eine Reise zu organisieren. Zweimal bin ich von Hong Kong nach Europa gereist, mit dem Zug und Bus.

 

Einmal bin ich mit einem Frachtschiff von Frankreich nach Kolumbien gereist, um dort für eine Studie zu forschen. Das hat zwei Wochen gedauert.

Photo by Gianluca_From the cargo ship

Ich habe eine Website eines Unternehmens gefunden, das ein Zwischenhändler ist, sie kaufen die Tickets für dich. Das Unternehmen an sich handelt nicht mit den Passagieren, sie schicken dir das Ticket über Reisevermittler und so fand ich also diesen Reisevermittler www.langsamreisen.de

 

Es ist recht teuer, es kostet ungefähr 120€ pro Nacht, inklusive Essen. Natürlich ist es teurer als fliegen, aber die Erfahrung ist fantastisch!

 

Es war schwierig meinem Institut klar zu machen, dass es kein Urlaub ist. Ich sagte „es ist kein Urlaub, es geht ums Prinzip. Ich werde so dorthin reisen, weil es der ökologischste Weg ist zu reisen. Ich werde arbeiten. Ich werde zwar ohne Internet sein, aber ich werde trotzdem arbeiten.“

 

Und es war sehr sehr produktiv kein Internet zu haben!

 

Ich hatte ein Projekt, ich musste einen Artikel fertig schreiben und ich hatte eine Menge Statistiken zu erledigen. Es war sehr effektiv. Es gab einen Ort auf dem Frachtschiff, wo man den Motor nicht mehr hörte, man hörte nur das Geräusch der Wellen.

Also habe ich mir dort eine kleine Büroecke aufgebaut, wo ich lesen und meine Arbeit mit dem Laptop machen konnte.

 

Auf dieser Reise waren wir 5 Passagiere und 30 Besatzungsmitglieder und ich finde, die Besatzungsmitglieder waren interessanter. Die anderen Passagiere waren 3 Franzosen und eine Französin, wir haben deutsch gesprochen, weil sie kein englisch sprachen.

 

Einer von ihnen war ein Gewerkschaftsmitglied, jetzt in Rente, und seine Frau. Es war seine 18. Reise auf einem Frachtschiff. Einmal hat er eine Weltreise mit dem Frachtschiff gemacht. Er war jemand, der ungefähr 10km am Tag spazieren ging. Er ging auf dem Schiff 2-3 Stunden jeden Tag spazieren. Wenn er das tat, war er sehr konzentriert.

 

Unter den Passagieren war auch ein Kickbox-Weltmeister, mit dem ich manchmal Ping Pong spielte.

 

Dann war da auch noch ein Schauspieler, der eine Komödie schrieb.

 

Und dann gab es noch mich, der nach Kolumbien fuhr, um dort eine Studie zu machen darüber Gewalt ausgesetzt zu sein und die Auswirkung von Traumatisierung.

 

Aber die interessantesten Leute waren die Besatzungsmitglieder. Die meisten von ihnen waren Filipinos, es waren ungefähr 25, und dann gab es noch fünf Kroaten.

 

Es gab drei Offiziere und dann ungefähr 20 bis 22 Seemänner. Die drei Offiziere haben 6 Monate auf dem Schiff und 6 Monate zu Hause verbracht. Die Seemänner waren 9 Monate auf See und nur 3 Monate zu Hause.

 

Einmal habe ich ihre Gehaltsabrechnung gesehen und ich konnte mich nicht zurückhalten und habe geguckt, was sie verdienen.

 

Der normale Seemann verdient US$800 und der zweite Offizier verdient US$2400.

 

Die meisten von ihnen waren junge Männer, ich würde sagen alle von ihnen waren bereits verheiratet. Sie arbeiteten daran, ein zu Hause für ihre Familien aufzubauen, damit sie zurückgehen und sagen können „ich habe etwas erreicht“. 

 

Das hat in mir das Gefühl ausgelöst, dass mir bewusst wurde, wie gut ich es habe.

 

Ich erinnere mich besonders an einen Vorfall:

Der Schiffskapitän wollte einen Grillabend organisieren und ich verbrachte gerne Zeit mit den Filipinos. Wir haben zusammen gefrühstückt, zu Mittag und zu Abend gegessen. Es gab einen Essraum nur für die Offiziere und die Passagiere. Und einen Essraum für all die anderen Seeleute.

 

Aber die philippinischen Offiziere sind nie in den Essraum für Offiziere gegangen, sie blieben mit den anderen Filipinos. Also war es am Ende so, dass es zwei Essräume gab und die Küche lag zwischen diesen Räumen.

 

Ich hörte von den Filipinos, dass sie sich auf den Grillabend freuten, denn es ist eine Tradition, dass man das macht, wenn ein Schiff ohne Zwischenstopp den Atlantik überquert. Und der Kapitän bietet einen Grillabend für alle an.

 

Ich erinnere mich, dass einer der französischen Passagiere, der erfahrene Reisende, mir davon erzählte, dass bei jeder Reise, die er gemacht habe, die gesamte Besatzung am Grillabend teilnahm.

 

Nur nicht in diesem Fall. Der Kapitän entschied, dass der Grillabend nur für Offiziere, die kroatischen Ingenieure und die Passagiere sein sollte. Es wäre eine totale Diskriminierung der Filipinos gewesen.

 

Ich entschied, mich als Passagier für die Filipinos einzusetzen und sagte „ich werde nicht zum Grillabend gehen, ich werde mit euch zu Abend essen“. Es muss ein wenig Unmut gewesen sein und vielleicht hörte der Kapitän was ich sagte und am Ende wurde der Grillabend gestrichen.

 

Ich wollte ihnen wirklich klar machen, dass es nicht fair ist. Das war nur ein Vorfall von Ungleichheit.

 

Insgesamt aber ist das Reisen auf einem Frachtschiff fantastisch!

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