Gedanken zur Flüchtlingswanderung

Zwischen Scham und Stolz

Im Juni 2015 wohnte ich noch in Kanada und las die ersten Meldungen über die Entwicklung der Flüchtlingssituation in deutschen Online Zeitungen. Sie berichteten davon, dass deutsche Schulen (bzw. Schulleiter) Elternbriefe verschickt haben und informierten, dass ein Flüchtlingsheim neben der Schule eröffnet werden soll.

Im gleichen Zuge wiesen sie auf die damit entstehende Gefahr hin, dass die Kleidung ihrer Töchter (Miniröcke und Tops) zu Missverständnissen führen könnten (siehe hier)

Mit Entsetzen habe ich in den Medien von solchen Berichten gelesen und ich habe mich geschämt deutsch zu sein! Ich war froh im Ausland zu leben!

Einen Monat später gab es dann immer mehr Berichte über große Wellen von Freiwilligen, tausende von Ehrenamtlichen, die sich für die Belange der Flüchtlinge einsetzten und versuchten zu helfen, wo es ging.

Es erinnerte mich daran, dass wir Deutschen unseres Wohlstands und der damit verbundenen sozialen Verantwortung bewusst sind. Die vielen freiwilligen Helfer haben in mir das Gefühl von Stolz ausgelöst. Stolz, zu einer sozialbewussten Nation zu gehören.

Flüchtlingskrise – welch gräuliches Wort!

Dann waren die Medien plötzlich voll von Berichten zur Flüchtlingskrise, ein Wort, das ich im Sommer 2015 zum ersten Mal hörte. Deutschland befand sich in einer Krise, ich bekam nur durch die Medien mit, was gerade los ist. Berichte über Brandanschläge, über Massen von Flüchtlingen, die nicht versorgt werden konnten.

Ich habe alles mit offenem Mund verfolgt. Die „Krise“ ist seitdem nicht mehr wegzudenken in Deutschland. Und schürt Ängste und Sorgen. Das Wort Krise beeinflusst die Stimmung im Land massiv und ich habe mich in den letzten Monaten oft gefragt, ob man dem ganzen Thema nicht einen neutraleren Namen geben könnte. Sowas wie Flüchtlingswanderung.

Und wo sind nun DIE Flüchtlinge?

Aus der Ferne ist es schwer einzuschätzen, wie sich solche Ereignisse auf die Atmosphäre im Land auswirken.

Also habe ich angefangen nachzufragen im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis. Wie ist das denn so? Gibt es denn wirklich so viele Flüchtlinge? Merkt man das? Ich bekam fast immer folgende Antwort:

„Also man sieht das schon, dass jetzt hier überall Flüchtlinge sind.“

Im Winter 2015 kam ich in Trier an und wollte mir ein eigenes Bild von der Lage machen. Auch vor Ort wurde mir immer wieder gesagt, dass hier jetzt so viele Flüchtlinge seien. Also habe ich mich umgeschaut in den Stadtgebieten, in denen sie in Scharen auf der Straße rumlaufen sollten.

Ich habe diese Scharen nicht gefunden.

Ein paar Wochen später fuhr ich nach Kiel und als ich dort ankam, dachte ich „Ach, HIER sind also DIE Flüchtlinge“ und im gleichen Moment fragte ich mich „Aber wie sieht denn eigentlich ein Flüchtling aus? Woran erkennt man sie?“. Ich war ein wenig erschrocken über mich selbst, dass ich so schnell urteilte und fragte mich, wie es passieren konnte, dass mein Denken so beeinflusst wurde.

Die Beeinflussung unseres Denkens durch unsere Umwelt

Wie kam ich also auf solche Gedanken? Wie kam ich dazu Menschen, die ein wenig anders aussehen als ich, in eine Schublade zu packen?

Weil es ein allgegenwärtiges Thema ist. Es begegnet uns morgens beim Aufstehen, wenn der Radiowecker klingelt, es ist ständig im Fernsehen, in den Zeitungen. Jeder spricht darüber. Wir werden damit überhäuft. Wir können uns dem Thema kaum entziehen. Es ist allseits präsent. Auf der einen Seite zehrt es an unseren Nerven, bedrängt uns, ja macht uns sogar manchmal Angst! Wir sind angespannt, auf der Lauer. Saugen Informationen auf, die uns dabei helfen sollen unsere Gefühle zu sortieren. Wir wollen wissen, ob unsere Ängste und Sorgen berechtigt sind.

Wir entziehen uns nicht, weil wir informiert sein wollen.

Natürlich wollen wir auch darüber informiert sein, ob wir helfen, anpacken können. Wo wird Kleidung gebraucht? Wo Manneskraft? Wie kann ich die Situation zum Guten für alle verändern?

Die Informationen aus unserer Umwelt helfen uns also, unsere Gedanken und Gefühle zu ordnen. Wir sortieren sie in Schubladen und das gibt uns Sicherheit. Doch ab welchem Zeitpunkt stecken wir das Gesehene, das Gehörte in die Schublade? Wenn ich jemanden mit schwarzen Haaren und einem dunkleren Hauttyp sehe?

Erstens möchte ich dazu sagen: Nein, das reicht nicht als Information.

Zweitens möchte ich euch folgende Frage mit auf den Weg geben: Müssen wir wirklich immer jede Information in eine Schublade packen?

Der Mensch an der Bushaltestelle mit den schwarzen Haaren und dunklerem Hauttyp ist ein Mensch. Punkt. Es spielt keine Rolle, ob er Flüchtling ist. Wenn wir es schaffen, uns davon frei zu machen, Menschen in Schubladen stecken zu wollen, dann machen wir uns frei von vorschnellem Urteilen. Machen uns frei von Vorannahmen, die einen offenen Umgang mit dem Andersartigen einschränken.

Vergleiche zur größten deutschen Schandtat in der Geschichte der Menschheit

Immer wieder lese ich Vergleiche zwischen Hitlers Zeit und jetzt. Ich finde das auch gut, dass daran erinnert und gewarnt wird. Doch ist dieses Beispiel viel zu krass für den Normalbürger (im Folgenden als besorgter Bürger beschrieben), der sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen ausspricht.

Die allermeisten Menschen wollen nicht mit Nazis verglichen werden. Denn das, was die Nazis gemacht haben, war grauenhaft.

Die besorgten Bürger möchten keine Flüchtlinge vergasen (das unterstelle ich ihnen einfach mal), sie wollen sie nur nicht in ihr Land herein lassen oder fordern sie auf wieder zu gehen. Und wenn ihr euch nun in die Lage der besorgten Bürger versetzt, dann ist die Aufforderung das Land zu verlassen natürlich nicht das Gleiche wie Juden vergasen. Und deshalb kommt dieser Vergleich bei besorgten Bürgern nicht an.

Sprecht es doch mal laut aus: Nazi – besorgte Bürger. Nazi – besorgte Bürger. Das ist nicht das Gleiche. Das ist doch ein Riesenunterschied!

Generell lassen sich Menschen ja nicht gerne vergleichen. Schon gar nicht mit etwas oder jemandem, der etwas so grauenhaftes gemacht hat. Doch geht es in diesem Vergleich auch immer wieder um die Frage „Wie hat das eigentlich damals angefangen?“ und hier sieht man die erschreckenden Parallelen.

Hier schreien die Helfer auf und warnen davor, dass sich solch grauenvolle Taten noch einmal wiederholen. Sie appellieren an den gesunden Menschenverstand und lenken den Blick auf ein Negativbeispiel, was aber, wie gesagt, viel zu hochtrabend für den besorgten Bürger ist. Er fühlt sich angegriffen von seinen eigenen Leuten, da er die Warnung nicht als Warnung, sondern als Angriff verstanden hat.

Als Angriff scheinen besorgte Bürger auch den unermüdlichen Einsatz der vielen passionierten Helfer zu verstehen.

Besorgte Bürger erfahren momentan, dass sich ihre eigenen Landsleute mit den Flüchtlingen verbünden, ihr Hab und Gut mit ihnen teilen, sich für sie stark machen. Fühlt sich das an wie Verrat?

Ich frage mich, ob besorgte Bürger dann sowas denken wie „Ey, der spielt doch eigentlich in meinem Team, jetzt wechselt der die Seiten und macht mich doof an, dass ich nicht auch die Seiten wechsle und dem Gegenspieler mein (letztes) Hemd gebe“. So muss es sich irgendwie anfühlen. Oder?

Kleine Anmerkung: Ich benutze das Wort besorgte Bürger mit Absicht so oft. Dem ein oder anderen wird schon ein Stöhnen über die Lippen gekommen sein, weil er den Begriff nicht mag und weil er in aller Munde ist. Warum ich so oft ‚besorgte Bürger‘ schreibe? Ganz einfach: Weil ich auf ihre SORGEN hinweisen möchte.

Der Umgang mit besorgten Bürgern, passionierten Helfern, Flüchtlingen und allen anderen

Ich habe das Gefühl, dass wir auch den besorgten Bürgern diese Art on Aufmerksamkeit schenken sollten. Jemand, der sich ihre Belange anhört, auf ihre Bedürfnisse und Interessen eingeht. Sich für sie einsetzt.

Mir fehlt der sensible Umgang mit den besorgten Bürgern. Nehmt ihre Sorgen wahr, versucht auch auf sie und ihre Bedürfnisse einzugehen, findet heraus, was genau die Sorge ist und versucht mit ihnen zusammen einen Weg zu finden, für beide Seiten einen Kompromiss zu finden.

Aufeinander zu zugehen und zuhören sind die wichtigsten Schritte. Sich annähern, in einen Austausch und Dialog kommen, Informationen austauschen und empathisch sein. Seid die Vermittler zwischen der Flüchtlings- und der besorgten Bürgerwelt! Zeigt Mitgefühl für ihre Sorgen und nehmt sie ernst! Denn das ist das, was die rechtsorientierten Parteien den besorgten Bürgern gerade vorgaukeln!

Wir haben jetzt die Chance neue Wege zu gehen, neue Handlungsvorschläge einzubringen, uns offen auszutauschen, beide Seiten sprechen lassen.

Vielleicht wirke ich gerade unglaublich naiv. Aber ich glaube an das Gute im Menschen. Ich glaube daran, dass wir aus Fehlern lernen können. Ich glaube daran, dass wir Deutschen soziale Wesen sind, die sich kümmern. Ich glaube daran, dass wir die Flüchtlingswanderung als Chance zur Bereicherung unserer Gesellschaft sehen können.

Wie? Durch Annäherung, durch Zuhören, durch Mitgefühl für alle Parteien (egal ob Helfer, Flüchtling, besorgter Bürger oder alle anderen), durch Kompromisse eingehen.

Als Diplom-Pädagogin bin ich der Ansicht, dass Bildung und Erziehung die stärksten Mittel sind, um offen einen interkulturellen Dialog anzustreben. Die Integration neuer Kulturen schon im frühen Alter wird das stärkste Mittel sein, um dem Anderen gegenüber aufgeschlossen sein zu können.

Persönliche Erfahrungen spielen eine maßgebliche Rolle, wie wir mit der Flüchtlingswanderung umgehen. Wir müssen uns bewusst sein, welche Erfahrungen wir mit Mitbürgern gemacht haben, die einen Flüchtlings- oder Migrationshintergrund haben. Vermeidet eine Fremdübertragung! Nicht alle sind gleich! Du bist doch auch kein Nazi, oder? 😉

Ich möchte mit diesem Beitrag dazu anregen den persönlichen Kontakt zum Anderen und Neuen zu suchen – kommt ins Gespräch mit Flüchtlingen, mit Helfern, mit besorgten Bürgern, mit allen anderen. Ich möchte euch ermutigen, hinter die Medienkulissen, in die Masse zu schauen.

Meine persönliche Schlussfolgerung

Ich war also verunsichert durch die Medien und ihre Meldungen, wollte ich mir ein eigenes Bild machen und wollte mehr Informationen erhalten.

Ich hatte das Bedürfnis, Menschen kennen zu lernen, die Flüchtlinge sind und die mit Flüchtlingen zu tun haben. Wollte mit ihnen sprechen, hautnah dran sein und ihre Sichtweise hören. Wer sind die Individuen in der Flüchtlingsmasse und Helfermasse?

Also habe ich mich mit einer passionierten Helferin und einem Flüchtlingspärchen getroffen und mir ihre Geschichte angehört. Ich wollte wissen, wie sich ihre Welt verwandelt hat durch die Flüchtlingswanderung.

In der kommenden Woche lasse ich euch daran teilhaben 🙂

Was mir noch fehlt, ist ein Interview mit einem besorgten Bürger. Wer Lust hätte, mir zu erzählen, wie die Flüchtlingswanderung seine/ihre Welt und Sichtweise verändert hat, kann sich gerne per PN bei mir melden! 😉

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