Steffi: Erst war es Liebe, dann war es Heimat

Als ich im Mai 2013 in mein Kanadaabenteuer startete, dachte ich nicht daran, dass ich dieses Land einmal mein Zuhause nennen würde. Damals reiste ich mit dem Work and Travel Visum ein. Ich wollte eigentlich nur ein Jahr bleiben, meine Freiheit genießen und dann wieder zurück in mein gewohntes Umfeld nach Deutschland.

 

„Hätte er mich nicht angesprochen, ich hätte den ganzen Flug über geschlafen“

Während des Fluges lernte ich Stephan kennen. Er saß im Flugzeug neben mir. Mir war überhaupt nicht zum Reden zumute. Hätte er mich nicht angesprochen, ich hätte wohl den gesamten Flug über geschlafen. Ich war furchtbar aufgeregt und noch während des Abfluges machte ich mir innerlich Vorwürfe wie ich auf die dumme Idee kommen konnte, alleine nach Kanada zu reisen.

 

Doch als er begann mir von seinen Erlebnissen in Kanada zu berichten, lichteten sich meine letzten Zweifel und seine ganze Art und Weise ließen mich innerlich zur Ruhe kommen. Ich bereute plötzlich überhaupt nichts und obwohl Stephan und ich während des gesamten Fluges über Gott und die Welt redeten, schon dort eine gewisse Anziehung zwischen uns war, sollten wir uns erst 7 Monate später wieder sehen.

 

Ich machte erstmal mein eigenes Ding, verbrachte die ersten zwei Wochen in Vancouver, machte einen Roadtrip mit zwei völlig verrückten Typen durch British Columbia und Alberta, um anschließend für drei Monate auf einer Animal Rescue Farm im Süden Albertas zu arbeiten.

 

Dort verliebte ich mich in die Prärien und unzähligen Weiten dieser Provinz. Für mich gab es keinen schöneren Ort. Anschließend besuchte ich Teile der USA, flog nach Hawaii, San Francisco, LA, Las Vegas und Alabama und landete schließlich in der kanadischen Provinz Nova Scotia, wo ich die mit Abstand herzlichsten Menschen in ganz Kanada kennenlernte. 

 

„Endlich war ich wirklich frei und genau das war es was mir fehlte“

Während der gesamten Zeit, die ich unterwegs war, dachte ich viel über mein bisheriges Leben in Deutschland nach. War ich dort wirklich so glücklich, wie ich immer dachte? Mein Job lag auf Eis, aber wollte ich dorthin wirklich noch zurück?

 

Was ich wusste war, dass in Deutschland die besten Freunde der Welt auf mich warteten, die wollten, dass ich nach einem Jahr wieder zurückkomme.

 

Und dann meldete sich plötzlich Stephan nach 7 Monate bei mir um mir zu sagen, dass er dauerhaft nach Kanada zieht und er sich freuen würde mich wieder zu sehen. Es sollte nicht lange dauern und ich fand mich in einem großen Gefühlschaos wieder, dass sich erst drei Jahre später lichten sollte.

 

Ich traf Stephan Ende Dezember 2013 in Vancouver wieder und dann ging alles ganz schnell. Ich verliebte mich Hals über Kopf in ihn und wusste plötzlich nicht, was ich machen sollte. Gehen oder bleiben? Mir blieben noch vier Monate um das herauszufinden und dann?

 

„Ich wollte eigentlich nicht in Kanada bleiben“

Zu groß war mittlerweile die Sehnsucht nach meiner Familie und meinen Freunde und mittlerweile war ich auch an dem Punkt angelangt, dass Deutschland gar nicht so übel war. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sich Stephan in Victoria auf Vancouver Island niederließ und ich mich dort überhaupt nicht wohl fühlte.

 

Alles war voller Bäume. Ich hasste jeden einzelnen Baum und vermisste die Weiten Albertas schmerzlich. Aber ich war verliebt und solange die rosarote Brille noch auf der Nase sitzt, nimmt man so einiges in Kauf.

 

Obwohl ich innerlich im Zwiespalt mit mir war, suchte ich mir einen Job um mir so die Möglichkeit auf ein weiteres Jahr in Kanada zu wahren. Danach müsste ich ohnehin nach Deutschland zurück, weil ich mich auf kein anderes Visum mehr hätte bewerben können, da meine Ausbildung als Ergotherapeutin in Kanada nicht anerkannt war.

 

Stephan wollte zwar, dass ich bleibe, aber nur unter der Voraussetzung, dass ich nicht nur wegen ihm bleibe. Ich blieb also ein weiteres Jahr.

 

Dass ich eigentlich nur wegen ihm blieb, verschwieg ich. 

 

Meine Eltern waren natürlich alles andere als begeistert und meine Mutter schob Panik, dass ich nie wieder zurückkommen würde. Meine beste Freundin weinte am Telefon ununterbrochen und auf mir lastete solch ein Druck.

 

Plötzlich wusste ich nicht mehr wo ich hingehörte und das zog sich durch das gesamte zweite Jahr.

 

Ich war plötzlich weit davon entfernt mein Leben wirklich zu genießen, doch meine Liebe zu Stephan hielt mich davon ab zu gehen, obwohl ich schon längst gegangen wäre, wenn er nicht gewesen wäre.

 

Im Dezember 2014 flog ich für zwei Wochen nach Hause und danach musste ich endgültig eine Entscheidung treffen. Jeder wollte von mir hören ob ich nach Deutschland zurück komme oder in Kanada bleibe, doch ich wusste gar nichts. 

 

„Die ganze Situation zerriss mich innerlich“

Mein zweites Visum endete im Mai 2015. Die ganze Situation zerriss mich innerlich. Nicht zu wissen wie es weiter geht belastete mich mehr und mehr und am Ende gab es nur eine Möglichkeit dauerhaft zu bleiben. Stephan musste mich Sponsoren.

 

Da er bereits eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hatte und wir schon ein Jahr zusammenlebten, galten wir nach kanadischem Gesetz als ehe-ähnliche Gemeinschaft. Der einzige Haken an der Sache war, dass ich während der gesamten Bearbeitungszeit meines Antrags zwei Jahre lang Kanada nicht verlassen durfte.

 

Ich war also gefangen und auch wieder nicht.

 

Schließlich ist Kanada ein großes Land und ich hatte bei weitem noch nicht alles gesehen. Trotzdem war der Gedanke zwei Jahre nicht meine Familie und Freunde zu sehen nicht gerade berauschend. Ich sagte mir immer wieder: „Es sind nur zwei Jahre deines Lebens!“ 

 

Nachdem ich Ende April 2015 meine Bewerbung auf dauerhaften Aufenthalt einreichte, fühlte ich mich das erste Mal angekommen. Ich war zwar nicht frei, aber der Druck war plötzlich weg und endlich konnte ich das Leben auf der Insel genießen.

 

„Wie sollte ich nur ein ganzes Jahr überbrücken ohne ein geregeltes Einkommen?“

Vancouver Island war plötzlich gar nicht mehr so übel. Ich genoss unser Leben auf dem Boot (wir leben auf einem Segelboot), die unzähligen Touren raus aufs Meer, bekam Besuch von Freunden aus Deutschland.

 

 

Alles war schön, bis ich im August 2015 erfuhr, dass mein vorläufiges Arbeitsvisum nicht ausgestellt wurde, weil ich eine unzureichende Bearbeitungsgebühr bezahlt hatte.

Mir wurde mitgeteilt, dass mein neues Arbeitsvisum erst ausgestellt wird, wenn damit begonnen wird meine Bewerbung für dauerhaften Aufenthalt zu bearbeiten. Das war frühestens Ende August 2016 der Fall. 

 

Somit durfte ich nicht mehr arbeiten. Ich ärgerte mich über meine eigene Blödheit. Wie sollte ich nur ein ganzes Jahr überbrücken ohne ein geregeltes Einkommen? Am liebsten hätte ich mich in den nächsten Flieger nach Deutschland gesetzt.

 

Alles war plötzlich wieder so verworren.

Nach zwei Wochen hatte ich mich letztendlich mit meinem Schicksal abgefunden und es ergab sich glücklicherweise eine Möglichkeit, dass Stephan mich nicht ein Jahr durchfüttern musste.

 

In dieser Zeit wuchs meine Verbundenheit mit Kanada und Vancouver Island stetig. Ich entdeckte meine Leidenschaft fürs Angeln, verbrachte viel Zeit in Kanadas unberührter Natur und merkte, dass ich diesen Lebensstil bevorzugte, als in irgendeinem Plattenbau zu wohnen. 

 

Exakt ein Jahr später wurde damit begonnen meine Bewerbung zu bearbeiten. Dann ging plötzlich alles ganz schnell und am 16.10.2016 erhielt ich meine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Ich war überglücklich, hüpfte vor Freude im Kreis, weil die ganze Last der letzten Jahre endlich von mir abfiel. 

 

Jetzt war ich endlich wieder richtig frei. Die ganzen Strapazen hatten sich gelohnt, denn mittlerweile konnte ich mir ein Leben außerhalb Kanadas nur noch schwer vorstellen.

 

Und da wusste ich, dass mich nicht mehr nur die Liebe in Kanada hielt, sondern dass dieses Land zu meinem neuen Zuhause geworden war.

 

 

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