Der Verlust der Zigarette und damit auch ein Stückchen Identität

In den letzten Wochen habe ich reichlich wenig zu Papier gebracht. Weder für meinen Schreibkurs noch für meinen Blog. Meine Konzentration war einfach weg. Weg mit den Zigaretten, die ich mal wieder aus meinem Leben verbannt habe.

 

Wieder mal ein Versuch. Ist nicht das erste Mal. Oder das zweite oder dritte. Genaugenommen war es allein in den letzten 6 Jahren 5 Mal.

 

Gründe, wieder anzufangen, gab es viele.

2011 war ich allein am anderen Ende der Welt und fand das am Anfang ziemlich beängstigend.

2013 habe ich mich halsüberkopf in den Falschen verliebt.

2014 fing der Einwanderungsstress und damit Papierkrieg an.

2015 habe ich in Kanada die Dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung nicht bekommen, mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen und ich musste mein Leben komplett neu planen.

2016 ging ich nach Irland und stellte fest, dass das nicht das Land ist, in dem ich leben möchte. Wieder war der Boden unter meinen Füßen weg.

 

Die bedeutsame Rolle von Gleichgesinnten

Der Satz „aber rauchen ist doch ungesund“ ist bei Nichtrauchern sehr beliebt. NATÜRLICH IST RAUCHEN UNGESUND.

Aber welchen Raucher hält das davon ab zu rauchen?

 

Wie oft habe ich mir Geschichten anhören dürfen, dass jemand jemanden kenne, der zwei Schachteln am Tag geraucht und einfach so von heute auf morgen aufgehört hat. Mein Onkel war einer von diesen Kettenrauchern. Er hat es auch geschafft. Das bedeutet aber nicht, dass ich das auch so einfach kann.

 

Bei meinem zweitverhassten Satz „wenn du es wirklich willst, schaffst du es auch“ würde ich am liebsten nur mit den Augen rollen.  

Der Wille war bei mir immer da. Doch leider ist „mit dem Rauchen aufhören“ schwieriger als sich manch einer vorstellen kann. Die Entgiftung dauert nur ein paar Tage, die Entwöhnung jedoch ein Jahr.

 

Was ich brauchte waren Gleichgesinnte. Jemand, der mich verstehen konnte. Jemanden, der durch die gleiche Phase ging. Ich fand einen Rauchfrei-Kurs in meiner Nähe und meldete mich an.

Und fand, wonach ich gesucht hatte: Akzeptanz und Verständnis, dass Entwöhnung nicht einfach ist. Wir tauschten uns aus und teilten Sorgen und Ängste. Es half mir ungemein, mit anderen im gleichen Boot zu sitzen.

 

Nikotinsucht hat das gleiche Abhängigkeitspotenzial wie Kokain bzw. Heroin

Eine Sache, die ich im Kurs gelernt habe, ist, dass Nikotinsuch das gleiche Abhängigkeitspotenzial wie Kokain bzw. Heroin hat. Es ist nicht die körperliche Abhängigkeit gemeint, sondern die psychische.

 

Mit dem Rauchen aufzuhören ohne die Unterstützung zu bekommen, die bspw. Kokainsüchtige erhalten, bedeutet, auf sich alleine gestellt zu sein. Selbst die entsprechenden Hilfen herauszusuchen oder die Kosten dafür aufzubringen. Die meisten Krankenkassen zahlen die Hälfte für Rauchfrei-Kurse. Doch Kosten Akupunktur, Hypnose oder Hilfsmittel wie Nikotinpflaster werden nicht übernommen.

 

Während also Kokainsüchtige jegliche Unterstützung bekommen, werden Zigaretten weiter munter überall verkauft und fast überall wird in Deutschland geraucht.

 

Als das Verbot eingeführt wurde, nicht mehr in Kneipen zu rauchen, gab es einen Aufschrei. Schon nach kurzer Zeit durfte wieder in vielen Bars geraucht werden.

Zigarettenautomaten gibt es an jeder dritten Ecke.

Rauchen ist in Deutschland gesellschaftlich weitestgehend akzeptiert.

 

Im Präventionsbereich muss einfach mehr gemacht werden: Die Wiedereinführung von Rauchverboten in ALLEN öffentlichen Gebäuden (auch Restaurants und Bars), weitere Erhöhung der Zigarettenpreise, Abschaffung der Zigarettenautomaten, Abschaffung der Zigarettenwerbung an Bushaltestellen und an großen Werbeflächen.

Deutschland WAR auf dem richtigen Weg und ist wieder davon abgekommen.

 

Stell dir vor, im Supermarkt könnte man Kokain kaufen.

An jeder dritten Ecke würde ein Kokain-Automat hängen.

In Bars wäre es erlaubt, Heroin zu rauchen.

Was glaubst du, wie einfach wäre es, clean zu bleiben?

 

Die ersten drei Wochen sind rum

Die positiven Seiten?

Ich meditiere nun täglich, mache wieder mehr Sport (was mich teilweise aber mehr stresst als gut tut) und nehme mir Auszeiten, wenn ich sie brauche. Ich muss nicht mehr im Regen oder Schneesturm in der Kälte stehen oder einplanen, dass ich auf dem Nachhauseweg noch irgendwo Zigaretten kaufen muss. Meine Schlafstörungen haben nachgelassen (es war nicht schön, morgens zwischen 4 und 5 Uhr aufzuwachen…).

 

Die negativen Seiten?

Ja, die überwiegen noch. Drei Wochen lang keine Konzentration, um zu schreiben. Nachrichten und Emails beantworten fällt mir unglaublich schwer.

Mein besserer Geruchsinn hat dazu geführt, dass mir aufgefallen ist, dass die Stadt, in der ich aktuell lebe (Kiel) nach Stein und Beton stinkt und wie sehr ich den Geruch von Natur vermisse.

Das Mandala Buch ist toll. Aber ich muss noch üben, meine Finger nicht um den Stift zu verkrampfen. Es wäre schön, nach dem Kritzeln keinen Tennisarm und eine taube Mittelfingerkuppe zu haben.

Da ich Stressraucher und „unangenehme-Gefühle-Wegraucher“ bin, muss ich immer wieder mit Frust und Wut kämpfen.

ABER: Ich habe bis jetzt immerhin 110 Stunden Lebenszeit wiedererlangt, sagt mir meine smoke-free App.

 

Ein ganzer Jahreszyklus liegt noch vor mir

Der Verlust der Zigarette ist, als würde ein Teil meines Selbst aus mir herausgerissen werden. Ich habe 21 Jahre geraucht (mit Unterbrechungen) – ziemlich erschreckend. Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens geraucht!

Viele meiner ersten Male habe ich mit Zigarette erlebt: Kaffee und Alkohol trinken, weggehen, sich verlieben, Liebeskummer haben, Stress und negative Gefühle wegrauchen, alleine Urlaub machen, alleine in einem anderen Land leben und so Vieles mehr.

 

In den letzten 21 Jahren habe ich ein bestimmtes Verhalten erlernt, das ich jetzt wieder verlernen und neue Verhaltensweisen erlernen muss.

 

Ob ich rauchfrei bleibe? Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht. Ich werde dran bleiben und alles tun, damit es so bleibt.

Ich habe noch einen langen Weg vor mir, denn die Entwöhnung dauert ein ganzes Jahr. Ich habe noch viele erste Momente ohne Zigarette vor mir: Abends weggehen mit Freunden (das konnte ich bisher noch nicht), im Urlaub abends am Strand sitzen, grillen im Park, sich verlieben, Liebeskummer haben, den Lebensort wechseln und so weiter und so fort.

 

Ich werde noch viele Male „nein, ich rauche nicht“ sagen müssen – vor allem zu der ehemaligen Raucherin in mir, die mir ab und zu Grüße schickt, ob sie zu Besuch kommen darf… „NEIN!“

 

 

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