„Copy me and you get a Marshmallow“ (1/3)

Teil 1: ABA (Applied Behavior Analysis)

Teil 2: Ein Gegenentwurf

Teil 3: Kritik

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Meine unerfreuliche Begegnung mit ABA

2014 fing ich meinen neuen Job in einem Kindergarten in Kanada an. Am Vormittag arbeitete ich als Special Needs Support Teacher mit Joe (*Name geändert), einem fünfjährigen Jungen mit Autismus; am Nachmittag war ich sein Behavior Interventionist.

 

Meine Rolle als Special Needs Support Teacher beinhaltete die Eins-zu-Eins-Betreuung im Kindergartenalltag. Als Behavior Interventionist wurde ich gebeten mit Joe ABA durchzuführen.

Bevor ich näher auf diesen Ansatz eingehe, möchte ich gerne ein paar Worte über Joe schreiben:

 

Joe ist ein außergewöhnlicher, wundervoller Junge; ein Entdecker und Forscher. Er mochte es, die Welt zu berühren und zu schmecken. Sein Lieblingsessen waren Nudeln mit Tomatensoße und Bananen. Er liebte Musik und Geschichten.

Joe war non-verbal, in Stress- und Angstsituationen flatterte er mit den Händen, robbte auf dem Boden, streckte sich. Manchmal schrie er. Wenn er Zucker aß, wirkte das bei ihm wie Ecstacy. Dann robbte und streckte und flatterte umso mehr.

 

Augenkontakt vermied er größtenteils, doch sang ich „Row your boat“, schaute er mir in die Augen. Manchmal starrte er auf meinen Mund und begann nach einer Weile die Bewegungen meiner Lippen zu imitieren (ohne Ton).

 

Seine Eltern und Geschwister schenkten ihm bedingungslose Liebe, die ihm die notwendige Sicherheit gab, sich wohl zu fühlen und er selbst zu sein.

 

Von Joe habe ich gelernt, meine Umgebung genau wahrzunehmen.

 

Ich habe ihn als kompetenten Menschen gesehen, der besondere Bedürfnisse hatte. Ein Junge, der wie andere Kinder auch, lernen wollte. Er lernte nur langsamer und die Lernbedingungen und Lernmethoden mussten richtig sein.

 

Am Vormittag bedeutete das, dass er „natürlich“ lernen konnte. Ich hatte die Freiheit, Lernmomente für ihn im Einzelnen, aber auch in der Gruppe zu schaffen.

 

Am Nachmittag jedoch waren mir die Hände gebunden und Joe und ich mussten uns an den strikten ABA-Plan halten. Hier erfuhren wir beide einen sehr unnatürlichen Ansatz.

 

Was ist ABA und worum geht es?

ABA bedeutet „Applied Behavior Analysis“ (Angewandte Verhaltensanalyse) und „ist eine Behandlungsmethode für u.a. Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Dieses Verfahren basiert auf wissenschaftliche Grundregeln des Verhaltens, um sozial nützliche Repertoire (Charaktereigenschaften) aufzubauen und problematisches Repertoire zu verringern. Die ABA-Methode für Autismus konzentriert sich auf kleine messbare Einheiten des Verhaltens, die systematisch unterrichtet werden (Cooper, Heron, & Heward, 1989)“ (Quelle: http://knospe-aba.com/cms/de/infos-ueber-aba/allgemeine-infos/was-ist-aba.html)

Es handelt sich um ein Verfahren, das auf klassischer und operanter Konditionierung (nach Pawlow https://de.wikipedia.org/wiki/Klassische_Konditionierung und Skinner https://de.wikipedia.org/wiki/B._F._Skinner ) beruht.

 

„Lernversuche und -erfolge sowie erwünschtes Verhalten werden möglichst direkt verstärkt, wobei primäre Verstärker (z. B. Nahrungsmittel) und sekundäre Verstärker (z. B. Spielzeug oder Lob) eingesetzt werden, um erwünschtes Verhalten zu belohnen.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Applied_Behavior_Analysis)

 

Kurzum: Lernen durch Belohnung – und durch Drill.

 

ABA ist vor allem in Nordamerika weit verbreitet und beliebt. Doch auch in Europa findet diese Therapieform immer mehr Anklang und diese Entwicklung sollte kritisch betrachtet werden, wie ihr im weiteren Verlauf des Textes sehen werdet.

 

Meine Erfahrungen mit ABA

 

Von ABA hatte ich zuvor noch nie etwas gehört. Meine Erfahrung Autismus beschränkten sich auf ein halbes Jahr in Neuseeland mit einem fünfjährigen Jungen mit Autismus, einem Jungen im Grundschulalter mit Asperger und ein Jahr mit Jugendlichen mit Autismus im Bereich Berufsorientierung in Deutschland.

 

Doch ich war neu in diesem Job, in einem anderen Land und offen für neue Ansätze. Zwar war ich von Anfang an skeptisch, doch wollte ich die Methode wenigstens ausprobieren, um mir ein genaues Urteil bilden zu können. Ich bekam eine Einführung und nachdem (Vorsicht Spoiler!) das ABA Programm kaum Erfolg zeigte, bat ich noch einmal um eine Unterweisung, da ich mir unsicher war, ob ich alles richtig machte – nur um festzustellen, dass ich es genau wie vorgesehen durchgeführt hatte.

 

Das Programm sah Folgendes vor: Fünf Tage die Woche jeweils 45-60 Minuten.

 

Der erste Teil bestand aus Imitationen

Ich führte eine Geste vor, sagte „Imitiere mich“ oder „Mache, was ich mache“ und dann gab es zwei Möglichkeiten:

Entweder er imitierte (was extrem selten war und dann auch nur ansatzweise)

oder er saß einfach da und machte nichts.

 

Dann war es meine Aufgabe ihn dazu zu bringen, die gleiche Geste auszuführen. Bspw. ich klopfte mit flacher Hand auf den Tisch, „imitier mich“, keine Reaktion, ich nahm seine Hand und klopfte mit ihr auf den Tisch.

 

In der ersten Phase des Programms wird immer belohnt – egal, ob er erfolgreich imitiert oder nicht. Also lobte ich ihn überschwänglich, gab ihm ein Spielzeug, ließ ihn für 2-3 Minuten damit spielen und nahm es ihm wieder weg.

 

Seine Reaktion: Schreien und weinen.

 

Dann kam der zweite Teil: Spielen

Sei es mit Autos, mit der Eisenbahn oder mit Bällen. Dieser Teil war ungezwungener als die anderen. Ich machte vor, wie man mit einem Auto spielt (hin und her fahren, brumm brumm Geräusche) oder rollte ihm den Ball zu. Joe mochte Bälle nicht rollen, werfen oder schießen. Er mochte es aber, auf ihnen drauf zu liegen oder sie abzulecken (wie ich bereits sagte, er mochte es, die Welt zu schmecken).

Er imitierte und generalisierte nur wenig.

 

Dritter Teil: MRE (Match-Receptive-Expressive)

 

Ich gab Joe eine Karte mit einem Bild, das er dem gleichen Bild zuordnen sollte auf einem Lotto Board.

Am Anfang zeigte Joe keine Reaktion. Also drückte ich ihm die Karte in die Hand und legte seine Hand auf das entsprechende Bild auf dem Lotto Board. Als Belohnung gab es ein Spielzeug (Vorgehen siehe Teil 1: Imitationen)

 

Nach einer Weile wurde er besser und hatte Spaß an der Aufgabe. Aber er langweilte sich bei den immerzu gleichen Bildern und seine verbale Sprache entwickelte sich durch diese Aufgabe auch nicht weiter.

 

Joe’s Entwicklung mit ABA

Joe weinte jeden bis jeden zweiten Tag. Er ließ sich hinfallen und ich musste ihn immer wieder hochheben und auf seinen Stuhl setzen – und weiter machen. Joe wollte einfach nicht imitieren, zumindest nicht die Gesten, die während der Sitzungen von ihm erwartet wurden.

 

Es tat mir in der Seele weh, ihn so leiden zu sehen.

 

Alle zwei Wochen kam eine Verhaltensberaterin, die geschaut hat, welche Fortschritte Joe macht. Sein Verhalten erklärte sie als normal.

Nach 2 Monaten fragte ich sie, wann wir endlich die Programminhalte ändern könnten. Andere Bewegungen, andere Bilder (bei den Spielzeugen habe ich einfach so schon variiert). Ihre Antwort: „Wenn er zu 75% erfolgreich imitiert“.

 

Nach 3 Monaten habe ich sein tägliches Weinen, schreien, hinfallen lassen nicht mehr ertragen und rechnete aus, wie oft er erfolgreich imitiert hatte. Nach drei Monaten, 4-5x pro Woche 45 – 60 Minuten, hatte er zu 30% erfolgreich imitiert.

 

Sollte ich noch weitere 3-5 Monate das Programm durchziehen,

um 75% zu erreichen?

NEIN!

 

Ab da habe ich mich geweigert, weiterhin ABA mit Joe zu machen. Ich hatte die volle Unterstützung seiner Eltern, als ich vorschlug, mein eigenes Programm aufzustellen und durchzuführen – mit Erfolg!

 

Im nächsten Blogpost werde ich genauer darauf eingehen, doch an dieser Stelle ist es sinnvoll, bereits einen kurzen Einblick zu geben:

Der Schwerpunkt meines Programms lag auf Joes Stärken, Interessen und Bedürfnissen. Ich nutzte seine intrinsische Motivation und integrierte die Ziele der Erwachsenen (Sprachentwicklung, Imitation, Spielverhalten, Folgen von Anweisungen) in einfache Übungen, die Joe Spaß machten.

 

Er machte Fortschritte, wenn auch langsam, aber das neue Programm zeigte, dass es die richtigen Lernmethoden beinhaltete, damit Joe seine Fähigkeiten erweitern und steigern konnte.

 

Dann kam der Zeitpunkt, an dem Joe in die Schule wechselte

 

Mein Job war getan. Zwar stand ich Joes Eltern und Lehrern noch als Ansprechpartner zur Verfügung, aber meine direkte Zusammenarbeit mit Joe war beendet. Meine Ergebnisse und Dokumentation über Joes Lernprozesse habe ich in zwei Berichten zusammengefasst und (mit dem Einverständnis der Eltern) an die Schule weitergegeben.

 

Ich hätte die Berichte auch gleich in die Tonne schmeißen können!

 

Der Kindergarten befand sich im gleichen Gebäude wie die Schule. Jeden Tag ging ich an Joes Klasse vorbei und mir stockte der Atem als ich folgende Situation sah:

 

Drei erwachsene Frauen saßen vor dem Klassenzimmer an einem Tisch mit Joe. Auf dem Tisch erkannte ich das typische ABA Material. Eine Frau sagte etwas, Joe zeigte keine Reaktion, sie nahm seine Hand, vollführte eine Geste und steckte ihm anschließend einen Marshmellow in den Mund!

 

Kurz darauf lag er auch schon auf dem Boden, bäumte sich auf, robbte hin und her und flatterte mit den Händen. Die Reaktion auf den Zucker.

 

Es hat mir das Herz gebrochen, ihn so zu sehen.

Was mich an dieser Situation traurig machte:

Ich habe erlebt, dass es auch anders geht.

 

Die Erfolge, die er ohne ABA erreicht hatte, waren ihnen egal. Die Ernährungshinweise der Eltern waren ihnen egal.

 

Alles, was zählte, war, dass er gefügig war.

Damit die Erwachsenen es leichter hatten.

 

Teil 2 folgt bald…

 

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