Copy me and you get a Marshmallow (2/3)

Eine Alternative

Vorgehensweise

  1. Beobachtung und Dokumentation
  2. Bestimmung des Lerntyps
  3. Gestaltung der Rahmenbedingungen
  4. Erstellung eines Programms auf Grundlage von 1+2+3
  5. Zusammenarbeit mit Eltern und multiprofessionellem Team

 

Zu 1: Beobachtung und Dokumentation

Ich dokumentierte Joes (Lern-) Verhalten sehr genau, identifizierte Problemsituationen (Veränderungen im Ablauf, Schlafstörungen, Zucker als Einflussfaktor, erhöhte sensorische Bedürfnisse etc.) und nutzte diese Informationen, um seine Umgebung kleinschrittig zu verändern und ihm Instrumente an die Hand zu geben, die ihm halfen, die Problemsituationen zu bewältigen.

 

Ich kam zu dem Ergebnis, dass folgende Aspekte, die zu einem positiven Lernerfolg führten:

  • Zuverlässige und konstante Beziehungen zu Eltern, Geschwistern, Erziehern und Peers
  • Wiederholen und vertiefen von Lernmomenten
  • Verbale Anweisungen kombiniert mit zeigen und verbaler positiver Verstärkung
  • Berücksichtigung der sensorischen Bedürfnisse

 

Rückschritte bzw. Stagnation seines Lernerfolgs wurden durch folgende Faktoren ausgelöst: Schlafmangel, erhöhte sensorische Bedürfnisse, veränderte Ernährung.

Zu 2: Bestimmung des Lerntyps

Haptischer Lerntyp

Um ein optimales Lernprogramm aufstellen zu können, war es notwendig, seinen Lerntyp zu bestimmen. Wie ich bereits im letzten Blogpost geschrieben habe, war Joe ein Kind, das die Welt durch Berührung erforschte und entdeckte.

Er be-griff die Welt dadurch, dass er seine Umwelt berührte.

 

Ich nutzte diesen Aspekt, um Aufgaben für ihn spannend und interessant zu gestalten.

Beispiel:

Ich schnitt kleine Vierecke aus verschiedenen Stoffen aus und schnitt ein Loch in die Mitte. Dann nahm ich eine Schnur, am einen Ende machte ich einen großen Knoten, am anderen Ende befestigte ich einen Knopf. Ziel war es, die Stoffstücke auf die Schnur aufzufädeln.

Hier ging es um drei Lernelemente: Feinmotorische Fähigkeiten, Erhöhen der Frustrationstoleranz und Konzentrationsspanne und Sprachentwicklung (Farben). Wenn er den Knopf durch ein Stück Stoff zog, sagte ich die Farbe des Stoffes und lobte ihn, wenn er es schaffte. Schaffte er es nicht, ermutigte ich ihn, es weiter zu versuchen.

Er liebte die Aufgabe und lernte schnell! Außerdem fing er nach kurzer Zeit an, die Worte gelb, blau und grau zu nachzuahmen.

Auditiver Lerntyp

Außerdem war Joe ein auditiver Lerntyp. Verbale Anweisungen in Kombination mit dem Finger auf etwas zeigen, befolgte er gut.

 

Natürlich hatte er Tage, an denen er nicht hörte, doch hatte ich dann eher den Eindruck, dass er nicht hören wollte. Dann schlich er mit kleinen Schritten weg, drehte seinen Kopf zu mir und prüfte mit einem kurzen Blick, wie ich reagierte. Oft fing er an zu lachen und lief dann weg.

 

Ich liebte diese Situationen, denn hier zeigte er seine Persönlichkeit. Doch wenn ich dann „Stop. Dreh dich um. Komm zurück“ rief, drehte er sich um und kam zurück.

 

Beispiele:

Seine Liebe zu Musik integrierte ich in den Alltag als auch in das Verhaltensprogramm am Nachmittag. Er liebte die Beatles. Ihm „I wanna hold your hand“ vorzusingen war der Schlüssel dazu, dass er meine Hand hielt.

Auch „Help“ beim Anziehen führte dazu, dass er die Bewegungen meiner Lippen nach einiger Zeit versuchte, nachzuahmen.

Wenn es im Wald regnete (und zu Beginn der Arbeit mit ihm hasste er es noch im Regen zu laufen), sang ich „Raindrops keep falling on my head“ und „I’m singing in the rain“. Und Joe lachte und ging motiviert weiter. Nach ein paar Monaten machte ihm der Regen nichts mehr aus.

 

Kombination visuell und auditiv

Es kamen auch ein paar der PECS (= Picture Exchange Communication System, visuelle Hilfsmittel, die insbesondere bei nonverbalen Kindern genutzt werden) zum Einsatz. Im ABA Programm wurden vier Lieder-Karten genutzt, um sie mit dem Lottoboard zu paaren.

 

Im neuen Programm verwendete ich sie, um Joes Kommunikationsfähigkeiten zu weiterhin zu fördern – aber ich ließ ihn bestimmen. Ich legte sie vor ihn auf den Boden oder Tisch, zeigte auf die jeweilige Karte, sang die erste Zeile des Liedes und machte das Gleiche mit den anderen drei Karten.

Dann ließ ich ihn wählen, welches Lied gesungen werden sollte. Er hatte einen klaren Favoriten: „Row your boat“. Er nahm die Karte und legte sie in meine Hand und ich sang das Lied.

 

Zu 3: Gestaltung der Rahmenbedingungen

Der Vorteil des neuen Verhaltensprogramms war nun, dass der zeitliche, strukturelle und inhaltliche Lernrahmen erweitert war. Zuvor, mit ABA, waren die Übungen auf 45-60 Minuten begrenzt und hatten einen zuvor festgelegten Inhalt. Mit der Umstellung und dadurch, dass ich den ganzen Tag mit ihm arbeitete, konnte ich Lernmomente vom Vormittag aufgreifen und sie am Nachmittag wiederholen.

Andersherum war es aber auch möglich, die Übungen vom Nachmittag als natürlichen Bestandteil in seinen Alltag einfließen zu lassen. Das Programm erstreckte sich daher nun über den ganzen Tag.

 

Zu 4: Erstellen eines Programmes auf Grundlage von 1 + 2 + 3

Der eigentliche Erfolg des Programms ergab daraus, dass Joes sensorische Bedürfnisse, Interessen und Stärken in die Übungen integriert wurden.

 

Die Ziele wurden von Joes Eltern, seiner Sprachtherapeutin, Ergotherapeutin und mir festgelegt: Sprachentwicklung, Steigerung der motorischen Fähigkeiten und des Lernverhaltens, Regulierung sensorischer Bedürfnisse, Erhöhen der Frustrationstoleranz, Problemlösefähigkeit, Spielzeuge mit anderen Kindern teilen.

Im zweiten Halbjahr kam noch ein sehr wichtiges Ziel hinzu: Der Übergang vom Kindergarten in die Schule. Dieses Ziel war wichtig, da ich von den anderen Fachkräften darauf hingewiesen wurde, dass Joe in der Schule mit ABA und PECS arbeiten wird.

 

Eingehen auf Bedürfnisse

An Tagen, an denen Joes sensorische Bedürfnisse sehr hoch waren, legte ich den Fokus auf sensorische Übungen und passte die methodische Vorgehensweise an seine Bedürfnisse an. Hatte er einen starken Bewegungsdrang, machten wir überwiegend grobmotorische Übungen. Weinte er viel, las ich ihm Bücher vor.

 

Beispiel:

Manchmal kam es vor, dass Joe aufgrund seines niedrigen Muskeltonus, das Bedürfnis hatte, sich oft hinzulegen. Ich hatte eine Übung, bei der ein Taschentuch vor den Mund gehalten und dagegen gepustet wird (um das englische „w“ zu üben).

Wenn Joe sich auf den Teppich legte, legte ich mich neben ihn, ein Taschenbuch auf meinem Mund und pustete es in die Luft. Er nahm sein Taschentuch, legte es auf den Mund und pustete.

Eingehen auf Interessen

Stärken der intrinsischen Motivation! Wenn Joe sich für etwas interessierte, fiel es ihm leicht, die Übung mitzumachen.  

 

Beispiel:

Zuvor (mit ABA) wurde festgelegt, dass Kinder Interesse daran haben, mit einem Ball zu spielen. Doch Joe interessierte sich nicht dafür, einen Ball zu werfen, rollen oder wegzuschießen. Stattdessen liebte er es, einen Hula Hoop –Reifen zu fangen und so wurde ganz nebenbei unter anderem seine Augen-Hand-Koordination gefördert.

Beteiligung und Mitwirkung

Auch wenn ich die Übungen für ihn aussuchte, wollte ich ihn trotzdem in irgendeiner Weise an der Auswahl beteiligen. Im zweiten Halbjahr bereitete ich daher vier kleine Tische mit jeweils einer Übung vor und Joe durfte sich aussuchen, mit welcher Übung wir begannen.

 

Stärkenorientierung

Einer der Erfolgsfaktoren des Programms war, mit dem zu arbeiten, was er bereits gut konnte und weiter entwicklungsfähig war.

 

Wenn er schnell einen Lernerfolg erzielte, weil ihm die Lösung der Aufgabe leicht fiel, gab ihm das Sicherheit und Selbstbewusstsein und es war einfacher, ihn an Aufgaben heranzuführen, die er bisher nicht so gut konnte.

 

Beispiel:

Joes Stärke lag vor allem darin, Karten zu Paaren zu bilden. Ich änderte diese Aufgabe nach einiger Zeit ab und ließ ihn 2D (Karten) mit 3D (Figuren) paaren. Er lernte dies sehr schnell und wenn wir diese Übung zu Beginn der Sitzung machten, war er mehr bereit auch andere Übungen mitzumachen.

Fördern und fordern

Jedes Kind sollte nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden. Bleibt der Anspruch immer gleich, besteht kaum eine Chance zu Entwicklung. Dieses Grundprinzip wendete ich auch bei Joe an und vermittelte ihm die Botschaft

„Versuche es, auch wenn es dir gerade Schwierigkeiten bereitet. Wenn du mich brauchst, dann bin ich hier und helfe dir.“

 

Beispiel:

Als ich meinen Job startete, wollte Joe aufgrund seines niedrigen Muskeltonus nicht einmal den Weg vom Auto in den Kindergarten gehen. Bei Spaziergängen musste er in einem Kinderwagen geschoben werden.

Von Anfang an arbeitete ich mit Joe daran, dass der Kinderwagen nur bei größeren Strecken genutzt wurde. Er fiel und stolperte, ich fing ihn auf, gefühlt 100x am Tag, ja, mein Rücken litt sehr darunter. Doch wollte ich nicht aufgeben, da ich Fortschritte sah.

Als er bereit war, meine Hand zu halten, fiel er weniger hin. Das Halten (berühren, greifen) meiner Hand gab ihm die notwendige Sicherheit, die er brauchte.

Fünf Monate später konnte Strecken von bis zu 45 Minuten zurücklegen – und hatte großen Spaß daran! Wenn wir draußen waren, lächelte er, er lachte und manchmal lief er sogar.

Zu 5: Zusammenarbeit mit Eltern und multiprofessionellem Team

Stichwort Ganzheitlichkeit: Ich arbeite grundsätzlich ganzheitlich. In diesem Fall hieß das unter anderem, dass ich mein Programm in enger Absprache mit Joes Eltern, Sprachtherapeutin, Ergotherapeutin und Physiotherapeutin erstellte. Die Verhaltensberaterin hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch eine geringe Rolle im Team, da sie sich ausschließlich für ABA aussprach und auch andere Versuche der Eltern, Joes Lage zu verbessern, missbilligte.

Im zweiten Halbjahr fand außerdem ein Austausch mit der Schule statt, um den Übergang Kindergarten-Grundschule zu besprechen und zu planen.

 

Zusammenfassung

Die Lernmethode wurde verändert. Statt eines Drills wurden nun seine Bedürfnisse, Interessen und Stärken berücksichtigt. Das Programm war inhaltlich und zeitlich flexibel gestaltet, abwechslungsreich und nach einiger Zeit konnte Joe mitbestimmen, welche Übungen gemacht werden. Während bei ABA das Ergebnis im Vordergrund steht, ging es hier um die Prozessorientierung.

 

Joe hat in einem Jahr mit dem neuen Programm übrigens nur ein einziges Mal geweint…

 

In Teil 3 wird es um die kritische Betrachtung des ABA-Programms und die Stellungnahmen von Betroffenen gehen…coming soon!

 

 

 

 

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