Carol (3/3): “Kiel ist momentan mein happy place”

„Die ersten Wochen waren so verdammt hart“

Als ich hierher kam, konnte ich kein deutsch. Alles, was ich sagen konnte war „ich spreche kein deutsch“.

Die ersten Wochen waren so verdammt hart.  Ich hatte nicht so viele Freunde, als ich ankam. Im ersten Monat war ich also irgendwie allein, weil ich einen Monat vor Semesterbeginn ankam.

 

Ich musste alles alleine herausfinden und jetzt weiß ich, wie hart es ist, wenn man die Sprache nicht spricht. Es machte aus mir eine sehr bescheidene Person.

 

Es machte aus mir eine bescheidene Person, weil ich empathischer wurde gegenüber Menschen, die die Sprache nicht sprechen.

 

In meinem ganzen Leben konnte ich mit Englisch davon kommen und zum ersten Mal dachte ich „oh scheiße, ich habe keine Ahnung, was um mich herum abgeht. Ich weiß nicht einmal, wie man nach Hilfe fragt“ und manchmal blieb ich einfach zu Hause und weinte.

 

Mein Kurs (an der Uni) war auf Englisch und ich dachte, dass viele Leute würden Englisch sprechen.

Ich dachte, Sprache wäre kein Problem.

 

Aber ich realisierte, dass Sprache ein riesen Problem ist. Ich ging in den Supermarkt und wusste nicht, was ich kaufen sollte, weil ich die Namen nicht verstand. Ich musste den Kassierer um Hilfe fragen. Alles war anders und ich hatte eine Menge „oh oh“ Momente.

 

Englisch ist nicht meine erste Sprache. Es ist meine vierte. Ich spreche meine Muttersprache fließend, dann musste ich die Amtssprache von Indien lernen und dann auch noch Sanskrit.

 

Aber ich habe es trotzdem noch geschafft, Englisch fließend lesen und schreiben zu können. Die Leute verstanden mich und ich arbeitete auch für eine führende englische Zeitung.

Aber als dann deutsch kam, sagte ich „ich hör auf“. Es ist sehr anstrengend, die Sprache zu beherrschen.

Was ich nicht über Deutschland mag ist, dass ich mir wünschte, dass mehr Menschen englisch sprechen würden. Die Uni hat eine Menge internationale Studenten und ich wünschte, mehr Menschen würden Englisch sprechen, aber das ist keine große Sache.

 

Ein Teil von mir fühlt sich dumm und genervt, weil ich nicht fließend deutsch spreche.

 

Ich war einmal in den Niederlande für einen Workshop für zehn Tage. Ich stellte fest, wie einfach das Leben dort ist. Jeder sprach Englisch, jeder war so freundlich und nett. Ich fühlte mich nicht unwohl oder deplatziert, weil ich nämlich eine Sprache sprechen konnte, die jeder um mich herum gut verstand.

 

Ich habe mich mehr in Kiel wohlgefühlt als mein Kurs startete. Ich schloss Freundschaften und wir trafen uns und sprachen Englisch. Wir gingen aus und saßen alle im gleichen Boot, weil wir kein deutsch sprachen. Das machte es leichter, bezüglich der Sprache.

Da fing ich an, Kiel zu genießen.

 

„Ich liebe Kiel“

Ich mag es sehr, dass Menschen so direkt sind. Jeder sagt, dass es schlecht ist, aber ich liebe es. Es macht das Leben soviel einfacher und glücklicher.

Das ist mein Ort, an dem Leute dir genau sagen, was sie meinen und du brauchst keine Energie und Zeit aufzuwenden, um herauszufinden, was sie vielleicht meinten. Und auch die Tatsache, dass du zu ihnen offen sein kannst und niemand nimmt es dir übel. Aber du solltest nicht die Gefühle von anderen verletzen!

 

Ich liebe Kiel. Ich hatte direkt eine Verbindung. Zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben, wollte ich einen Ort, der nicht riesig, also keine namenlosen Gesichter, die herumlaufen, weil ich mich so fühlte in Metropolen wie London und Dubai.

Kiel ist perfekt, weil es groß genug ist, aber auch klein genug, dass ich Leute treffe, die ich kenne. Du hast bekannte Gesichter um dich herum, aber nicht zu viele, dass du dich überfordert fühlst.

 

Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber Kiel ist momentan mein ‚happy place‘.

 

Mir halfen immer Menschen aus. Ein paar Tage nachdem ich nach Kiel zog, war ich fast am verhungern. Ich wusste nicht, was ich kaufen sollte und ich wollte aber auch nicht kochen. Ich habe an einem dieser Essenswagen gestanden, die Hähnchen verkaufen und ich wusste nicht, wie man bestellt.

Also stand ich da, fragte mich, was ich tun sollte und dieser Typ kommt und fragt mich, ob ich Hilfe brauche. Ich weiß nicht, was ich an mir hatte, dass er zu mir kam, aber er sagte „ich war wie du, als ich hierher kam, ich verstehe das also“. Er war aus Syrien und bestellte mein Essen. Das war so nett.

 

Also versuche ich nun das gleiche für andere zu tun, die verloren aussehen

und frage sie, ob sie Hilfe benötigen.

 

“All die Orte, an denen ich gewohnt habe, waren gut für die Phase meines Lebens”

Was ich an Deutschland so mag, ist meine Wohnung. Obwohl es nicht mein Zuhause per se ist, aber es ist nah dran an „Zuhause/Heimat“ in Deutschland.

 

Zuhause bzw. Heimat ist, wo du du selbst sein kannst, wo du dich nicht verstellen musste, keine Maske und kein Lächeln, wenn du nicht glücklich bist. Einfach du sein.

 

Ich glaube mein Zuhause/Heimat ist meine Mutter. Ich habe versucht, mich zu verstellen, aber sie sieht immer durch mich durch. Sogar wenn ich mit ihr am Telefon spreche. Also habe ich aufgehört, mich zu verstellen.

All die Orte, an denen ich lebte, waren gut für die Phase meines Lebens. Jeder Ort hatte ein anderes Thema, ich ging durch unterschiedliche Lebenssituationen.

 

Die Dinge sehen manchmal von außen gut aus,

aber wenn du es nicht innen drin fühlst,

dann macht es keinen Sinn zu bleiben.

 

Auch wenn ich die Chance hätte zurück zu gehen, ich würde nichts ändern. Das ist eine Frage, die mir oft gestellt wird.

 

Der leichtere Weg wäre es gewesen, in Indien zu bleiben und manchmal, wenn die Dinge schwierig werden, dann frage ich mich, ob es ein Fehler war, ins Ausland zu ziehen. Aber wenn ich jetzt zurückblicke, dann würde ich nichts ändern. Trotz all der Schwierigkeiten und den ganzen Geldproblemen.

 

Jetzt passt alles ins Gesamtbild. Ich weiß, wohin alles gehört. Ich bin mit mir und meinem Leben zufrieden.

Ich bin sehr glücklich.

 

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