„Bitte geben Sie Ihre Würde hier ab“

Während ich an diesem Artikel schrieb, stieß ich auf ein aktuelles Interview mit Gerald Hüther über sein Hörbuch „Würde, was uns stark macht“ erschienen (lest hier) und es könnte nicht passender sein!

Nach Hüther erfahren wir Würde, wenn wir uns als Subjekt wahrgenommen fühlen und unsere Potenziale frei entfalten können.

 

Weiter beschreibt er, dass wir Würde verlieren, wenn

„Kein Mensch kann die in ihm angelegten Potentiale entfalten, wenn er wie ein Objekt behandelt oder benutzt wird. Wir leben aber in einer Welt, in der wir ständig erleben, wie wir selbst oder andere zu Objekten der Absichten und Interessen, der Erwartungen und Bewertungen, der Maßnahmen und Anweisungen von anderen Personen gemacht werden, zu Hause, in der Schule, während der Ausbildung, an der Arbeit und im täglichen Zusammenleben.“ (Quelle)

 

Zum Objekt gemacht werden und nicht mehr Subjekt sein. Kurz frage ich mich, ob ich mich in Deutschland im Erziehungs- und Schulsystem jemals als Subjekt wahrgenommen habe. Nein.

Die Vorstellung „Würde“ habe ich im Jugendtreff erlangt und im Studium an der Uni.

Umso schwieriger ist es, diesen einmaligen Schatz, freiwillig wieder abzugeben. Zum Beispiel, wenn man die Agentur für Arbeit betritt und sich arbeitssuchend meldet…

 

Es ist nicht das erste Mal, dass ich den Kopf schüttle über das mir unbegreifliche Vorgehen der Institution, die bei der Arbeitssuche unterstützen soll. Als ich Freunden und Bekannten von meinen Erfahrungen erzähle, ist kaum jemand überrascht. Fast jeder kennt jemanden oder war schon einmal in der gleichen Situation wie ich gerade.

Vielleicht findet ihr euch hier auch wieder? 😉

 

 „Sie dürfen die Stadt nicht verlassen“

2013 war ich schon einmal arbeitslos bzw. arbeitssuchend. Das war zwischen dem Working Holiday Visum und dem Young Professional Visum und ich musste für zweieinhalb Monate zurück nach Deutschland. Zu Beginn wusste ich noch nicht, dass ich doch noch eine Chance in Kanada erhalten würde.

 

Also bewarb ich mich um Stellen in A. Da ich in einer Woche drei Bewerbungsgespräche in A hatte, beschloss ich, für eine Woche zu meiner Schwester nach B zu fahren. Damit hätte ich Zeit und Geld gespart.

Ich erinnere mich genau, wie mein damaliger Sachbearbeiter vor mir saß und sagte: „Sie können nicht einfach so für eine Woche zu Ihrer Schwester fahren. Wissen Sie, eigentlich müssten Sie jeden Tag morgens zu den Vorstellungsgesprächen nach A fahren und abends wieder zurück in die Heimatstadt. Die Reisekosten übernehmen wir leider nicht.“

Morgens hin, abends zurück. Eine Strecke hätte bedeutet: Von A nach B 1 Stunde 30 Minuten vs. von Heimatstadt nach  B 7 Stunden 30 Minuten…ich soll 15 Stunden am Tag im Zug sitzen für ein Vorstellungsgespräch und das drei mal in einer Woche??

 

„Aber ich sehe ein, dass es Sinn macht. Ich genehmige Ihnen die Abwesenheit.“

Er genehmigt meine Abwesenheit? Wie nett von ihm. Was soll man dazu sagen?

 

Vor einigen Wochen dann wieder genau das Gleiche: Ich darf die Stadt nicht länger als 24 Stunden verlassen.

Irgendwie komme ich mir vor wie eine Schwerstkriminelle, die unter Hausarrest steht…

Doch nicht nur die eingeschränkte Bewegungsfreiheit ist es, die mich (erneut) wütend macht. Vor allem ist es die kontraproduktive Vorgehensweise des Systems, das ausgeführt wird von einem Mitarbeiter, der sich peinlichst genau an die Regeln hält.

 

Arbeitsvermittlung – Realitätscheck

Bevor ich berichte, wie mein Gespräch lief, hier noch einmal die Beschreibung der Funktion und Aufgabe eines Arbeitsvermittlers:

 „Arbeitsvermittler/innen übernehmen Aufgaben bei der Vermittlung, Beratung und Integration von Arbeitnehmerkunden der Bundesagentur für Arbeit.“ (Quelle: Berufenet)

 

Während des Termins mit meinem Arbeitsvermittler

  • hat er nicht gefragt, in welchem Bereich ich arbeiten möchte
  • hat er mir untersagt, die Stadt länger als 24 Stunden zu verlassen -> ich kann mir also keine andere Stadt angucken, ob es mir dort gefällt, um meinen Umkreis zur Arbeitssuche zu erweitern
  • hat er es abgelehnt, mir bei der Stellensuche in meinen Wunschstädten (und nicht meine Heimatstadt!) zu helfen -> „das ist überregional und hier in der Region gibt es einen hohen Bedarf an Erziehern in Kitas“
  • wurde ich zurechtgewiesen, dass ich keine Stellenvorschläge aus meiner Heimatstadt ablehnen darf, auch wenn ich weder dort leben noch arbeiten möchte
  • hat er sich weder meine vorliegenden Bewerbungsunterlagen angeguckt (vielleicht gibt es ja Verbesserungsvorschläge?) noch die Auflistung der Stellen, bei denen ich mich bereits beworben habe -> dabei sollte ich beides ausdrücklich zum Gespräch mitbringen

 

Als ich das Thema Selbständigkeit bzw. Freiberuflichkeit und eine finanzielle Unterstützung durch die Agentur für Arbeit ansprach (->Stichwort Existenzgründungszuschuss was jeder beantragen kann, der noch 150 Tage arbeitslos ist und sich selbständig machen möchte), winkte mein Arbeitsvermittler sofort ab, ohne sich überhaupt erst anzuhören, wie meine freiberufliche Arbeit aussehen soll.

„Als Pädagogin sind Sie überall einsetzbar, daher Sie werden keinen Existenzgründungszuschuss bekommen.“

 

Einige Wochen nach dem Gespräch wurde mir dann ein Vermittlungsvorschlag zugesendet. Die Stelle? In meiner Heimatstadt. Die Institution? Katholisch. Dabei steht in meinem Profil, dass ich konfessionslos bin (schon seit 2012, als ich aus der Kirche ausgetreten bin).

So sieht also Vermittlung, Beratung und Integration aus? Aha.

 

Wenigstens bin ich nicht alleine damit…

 

Ihr wollt weitere Beispiele von dem Irrsinn? Bitteschön:

Eine Bekannte von mir wurde HOCHSCHWANGER zum Vorstellungsgespräch geschickt.

Die Mutter einer Freundin, BANKKAUFFRAU sollte sich auf eine Stelle als KRANFÜHRERIN bewerben.

Ein Freund von mir wollte ein paar Tage vor Beginn eines neuen Jobs (Vertrag unterschrieben, alles geregelt), mit seiner Frau ihre Familie in einer anderen Stadt besuchen. Der Urlaub war lange geplant. Durfte er nicht. Könnten ja Termine anstehen.

 

Wenn ich Klienten in meiner Arbeit als Familienhelferin zu ihren Terminen im Jobcenter begleitete, war ich schockiert über die Art und Weise, wie sie dort behandelt wurden. Wie Menschen einer niederen Kaste.

Als ich mit Schülern im Bereich Berufsorientierung, Übergang und Integration in den Arbeitsmarkt arbeitete, wunderte ich mich, wie wenig die Interessen und Berufswünsche der Jugendlichen beachtet wurden.

 

Heute wundere ich mich nicht mehr über arbeitslose Jugendliche oder Azubis, die ihre Ausbildung abbrechen.

Ich wundere mich auch nicht mehr über ALG II Empfänger, die nicht zu Terminen im Jobcenter erscheinen.

Schon gar nicht wundere ich mich über Arbeitssuchende, die keine Arbeit finden. Zumindest nicht die Arbeit, für die sie qualifiziert sind und für die sie sich interessieren.

 

Mich als mündige Erwachsene mit Würde fühlen wollen – ist das zu viel verlangt?

Ich habe mich vier Wochen zu spät arbeitssuchend gemeldet, weil ich mich noch ein wenig länger als mündige Erwachsene mit Würde fühlen wollte. Auf das Arbeitslosengeld habe ich in dieser Zeit verzichtet. Den Preis habe ich gerne für meine Würde bezahlt.

 

Dann der Gang zur Agentur für Arbeit: Rein als Subjekt, raus als Objekt.

 

Das Objekt (die Arbeitssuchende), das in eine Box gepresst wird (Arbeitsvermittler entscheidet über Auswahl der Stellenangebote) und in den Arbeitsmarkt integriert werden soll (egal um welchen Preis), damit die Arbeitslosenquote sinkt (wenigstens ein Punkt der Sinn macht).

 

Potenziale entwickeln? Fehlanzeige.

 

Vor ein paar Tagen hat der Spiegel einen interessanten Artikel darüber veröffentlicht, dass Arbeitslose nicht zielgerichtet in Maßnahmen platziert wurden. Der Grund?

 

„Stimmen die Zahlen der Mitarbeiter am Jahresende, haben sie Chancen auf eine Festanstellung oder Beförderung“ (Quelle: Spiegel)

 

Ja, es gibt Mitarbeiter-Ausnahmen und ja, ich sehe ein, dass es Menschen gibt, für die solche Regelungen Sinn machen. Regeln sind Regeln und werden sich so schnell nicht ändern.

Das ist ein Problem im System.

 

Doch könnte man durchaus beim Umgang mit den Menschen anfangen, etwas zu ändern.

Hinhören und ernst nehmen, welche Stelle gesucht und gewünscht ist.

Mehr Wertschätzung und Respekt gegenüber der Person, die Arbeit sucht.

Und vor allem anerkennen, dass da ein mündiger Mensch mit Würde sitzt.

 

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