Auszug #1 aus „Reisen mit Schildkröte“

Bevor ich los zog, um nach einer neuen Heimat zu suchen, kam mir die Idee für eine Geschichte. Eine Geschichte, die meine beiden Leidenschaften reisen und schreiben verbindet. Ein Travel Guide, doch anders als die üblichen Verdächtigen. Ganz anders. Mich interessieren keine historischen Fakten. Ich will auch nicht über die besten Unterkünfte oder Restaurants schreiben.

Mich interessiert, was die Sehenswürdigkeiten selbst zu erzählen haben. Ihre ganz eigenen Fakten. Fantastische Fakten. Und dann tauchte auch noch Morla auf, eine Schildkröte, die mich irgendwie schon mein ganzes Leben begleitet und die ich nie so richtig wahrgenommen habe.

Vielleicht wird aus dieser Geschichte nie ein Buch, das in einem Buchladen im Regal stehen wird. Vielleicht wird es einfach eine Serie von kurzen Geschichten auf meinem Blog.

Ich habe mich noch nicht entschieden, bin noch mittendrin. Mittendrin in der Geschichte einer jungen Frau, die auszog, um eine Heimat zu finden, feststellte, dass sie einen Kompromiss suchte und etwas entdeckte, was lange verschollen war.

In den kommenden Wochen/Monaten werde ich immer wieder mal Auszüge auf meinem Blog posten. Lasst mich unbedingt wissen, wie ihr es findet!

Viel Spaß beim Lesen meines ersten Auszugs von meinem Besuch an dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin. In eine neue Zukunft schauen heißt auch immer zurückschauen, wo man her kommt.

*****

Zwischenstopp „Zuhause“

Am nächsten Tag beschließe ich am Petrisberg spazieren zu gehen. In den letzten 30 Jahren hat sich viel verändert. Nur die Weinberge sind geblieben.

Ich sehe in der Ferne das Hochhaus, in dem ich die ersten drei Jahre meines Lebens gewohnt habe. Einmal bin ich, laut meiner Eltern, beinahe vom Balkon gefallen. Unsere Wohnung war im obersten Stockwerk (war es der 10.?).

 

Eine meiner frühestens Erinnerungen ist,

wie drei grünlich-graue Helikopter an unserem Küchenfenster vorbei flogen.

 

Meine Mutter war im Krankenhaus, wo meine Schwester Kristina das Licht der Welt erblickte.

Ich weiß noch, dass mein Vater mir die frohe Botschaft verkündete, doch mein Blick war auf die laut brummenden Hubschrauber fixiert.

 

Gleich neben unserem Hochhaus war früher einmal das französische Militär. Heute sieht man immer noch ein paar Kasernengebäude hinter den Studentenwohnheimen und den Supermärkten.

 

Meine Lippen verziehen sich zu einem breiten Grinsen. Dort hinten, zwischen dem heutigen Geozentrum und dem Trimmelter Berg haben Verena und ich versucht, uns bei einer waghalsigen Schlittenfahrt den Arm zu brechen, damit wir am nächsten Tag nicht die verhasste Mathearbeit mitschreiben müssen. Ihre Schulter oder Ellbogen, ich weiß es nicht mehr genau, war ausgerenkt. Ich hatte mehrere Knöchel an den Fingern ausgekugelt. Nichts, was man nicht wieder richten kann.

 

Die Mathearbeit mussten wir dennoch mitschreiben. Blöder Versuch.

 

Meine Gedanken reisen durch die Vergangenheit und ich stelle fest, dass alle Erinnerungen in meinem Kopf gleichzeitig passieren. Ich sehe mich als Dreijährige, als fünfzehnjährige, als Erwachsene.

Mir kommt der Gedanke, dass die Vergangenheit nicht linear stattfindet. Wenn ich in die Zukunft blicke, weiß ich, dass da noch viele Stationen und Orte auf mich warten. Ich sehe keine zeitliche Reihenfolge, welcher Ort zuerst kommt.

 

Unwillkürlich frage ich mich: Wenn Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig stattfinden, warum dann nicht auch Gegenwart? Interstellar blitzt für einen kurzen Moment for meinem inneren Auge auf. Wenn statt einer geraden Linie Punkte wild umherschwirren und gleichzeitig existieren, dann gäbe es nur Unendlichkeit und DAS kann mein Gehirn nicht greifen, nicht BEgreifen. Was mein Gehirn greifen kann, ist eine Linie und diese Linie nennt es Zeit.

 

Doch wenn es die Linie nicht gäbe, dann gäbe es

womöglich auch kein Konstrukt mit dem Namen Zeit.

 

Mein Kopf schwirrt und kreist und Bilder rauschen vorbei, die nicht Teil dieses Moments im Hier und Jetzt sind. Sie liegen in der Zukunft, in der Vergangenheit. Mein Atem geht schneller, versuche „Unendlichkeit“ zu begreifen, verliere mich im Wirrwarr der Visionen bis eine Stimme sagt: „Stop!“

Ich keuche auf. Morla schaut mich streng an. „Dies ist nicht der Ort, nicht die Zeit. Lass uns weiter gehen.“

Die Worte der Schildkröte reißen mich aus der hilflosen Starre und ich bin ihr dankbar. Sie hat Recht, nicht hier und jetzt. Ich beschließe, später zu meditieren und das zu ergründen, was ich soeben gesehen und gefühlt habe.

 

Wir gehen an Weinreben vorbei, die Blätter wunderschön in hellem Gelb. Am unteren Rande sehe ich die Kleingärten und erinnere mich, dass der amerikanische Ehemann einer Freundin einmal gefragt hat, ob da wirklich Menschen drin leben. Nein, das ist nur eine Wochenendsache für Menschen, die in Wohnungen leben und gerne einen Garten mit einer kleinen Hütte haben wollen.

 

Vollkommen in Gedanken versunken, komme ich am Dom an. Der Geruch von Frittenfett liegt in der Luft. Hm, Drei-Finger-Joe. Beim Gedanken an die dünnen Pommes mit Currysoße läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Unübertreffbares Fast Food, besonders, wenn man Alkohol betrunken ist. Oder auch nicht betrunken.

 

Fritten vom drei-Finger-Joe gehen eigentlich immer.  

 

Ich erreiche die Treviris Passage. Als ich fünfzehn, sechszehn Jahre alt war, war ich oft hier. Jep, ich war eine von der Treviris-Gang. Was nicht heißen soll, dass ich jemals eine Schlägerei hatte. Nein, als gut erzogene Lehrertochter gehörte sich das nicht.

 

Wenn meine Eltern damals gewusst hätten, mit wem ich in meiner Freizeit abhänge, hätten sie mir Hausarrest bis an mein Lebensende gegeben.

 

Ich habe nie ein größeres Maß an Loyalität und Zusammenhalt erlebt als in dieser Clique. Das war eine sehr lohnende Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Mal ganz davon abgesehen, es war auch sozusagen mein erstes Praktikum im sozial benachteiligten Bereich. Das hat mir später in meiner Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe sehr geholfen, weil ich in meiner Jugend miterlebt hatte, wie mein Klientel tickt.

 

Am Abend gehe ich joggen und lasse mich treiben, in einem Ozean voll von Erinnerungen, manche blass, manche so stark, dass ich sie so vor mir sehe als wäre ich mittendrin im Geschehen.

Ich laufe über den Rundweg Richtung Uni, vorbei an Spielplätzen, manche von ihnen gibt es schon gar nicht mehr.

 

Im Treff (ein Stadtteil in Trier) schaue ich auf die beiden Wohnungen, in denen Sandra gewohnt hat. Mir kommt die Enttäuschung in den Sinn als es bei ihnen Fondue mit Brühe gab. Mit Brühe! Bei uns zu Hause gab es immer nur Fondue mit heißem Öl. Ja, pures frittiertes Fleisch.

Links taucht der Bäcker auf, wo wir immer Süßigkeiten kauften.

 

Elektro Spang. Ich frage mich unwillkürlich, ob sie vielleicht noch einen alten Wecker mit einer Windmühle haben. Ich würde ihn sofort kaufen. In der vierten Klasse sollten Sandra und ich Läden vor Ort nach Spenden für eine Tombola in der Schule fragen. Wir bekamen in jedem Laden zwei Produkte derselben Art. Zu Hause haben wir einen Teil davon behalten. Aber es gab nur einen Wecker. Also schlug Sandras Mutter vor, wir könnten ihn teilen und das machen wir seitdem. Jeder behält den Wecker eine Zeitlang, dann passt die andere darauf auf. Leider hat der Wecker vor ein paar Jahren den Geist aufgegeben.

 

Ah, St. Augustinus. Der Jugendtreff unter der Kirche war mein zweites Zuhause. Gefühle, Gerüche werden wach gerufen. Der Morgen nach einer Disko, wenn wir uns verkatert ans putzen machten. Kalter Biergeruch. Der Boden so klebrig, dass man bei jedem Schritt mit der Schuhsohle hängen blieb.

Ich komme an der Uni an, die nun totenstill im Dunkeln liegt. Am Unisee traue ich mich nicht entlang, zu dunkel und verlassen.

 

In den 90ern waren wir oft hier, abends, nachts,

hauptsächlich betrunken, manchmal bekifft.

 

Die Konsequenz: Aus mir ist trotzdem was geworden. Thema meiner Diplomarbeit? „Der Verlauf vom Gelegenheitstrinken zum exzessiven Alkoholkonsum bei 14 – 18jährigen“.

 

Ich gehe ein paar Meter und lasse die Gebäude der Uni auf mich einwirken.

Sehe mich durch das C-Gebäude hetzen, durch Unmengen von Studenten. Wandere durch die Bibliothek, suche Bücher.

Die Mensa habe ich immer gemieden, das Essen mochte ich nie. Erst als ich nach meinem Studium für die Uni gearbeitet habe, bin ich manchmal mit Kollegen dort essen gegangen. Geschmeckt hat es nicht.

Ich laufe weiter, erinnere mich an ein Seminar zum Thema „Recht“, das an einem Samstag im Psychologie-Gebäude stattgefunden hat.

 

Ah, die Brücke rüber zum Weidengraben. Auf der anderen Seite erwarten mich Erinnerungen meiner Kindergarten- und Grundschulzeit.

Ich liebte es, in den Kindergarten zu gehen und war sogar neidisch auf die anderen Kinder, die auch am Nachmittag in die für mich Heilige Stätte gehen durften.

 

Einmal bin ich einfach von zu Hause weggelaufen,

nur um auch mal einen Nachmittag im Kindergarten sein zu dürfen.

 

Der Geschmack der Wildkräutersuppe in der dritten Klasse: Bitter. Aber mit viel flüssiger Sahne ging es eigentlich.

Ich komme an der Straße an, an der der Martinsumzug immer durchgegangen ist. Als Jugendliche habe ich ausgeholfen, das war Teil der Jugendarbeit. Wir verkauften Martinsbrezeln und Würstchen mit Brötchen, kümmerten uns ums Feuer und betranken uns.

 

Als ich die Tankstelle sehe, fällt mir mit einem Lachen wieder ein, wie ich mit meiner Schwester Kristina manchmal sonntags auf dem Fahrrad hierher gefahren bin. Auf EINEM Fahrrad wohlgemerkt (obwohl wir jeder eins hatten), einer von uns trat in die Pedale, die andere saß auf dem Gepäckträger. Dann kauften wir uns Flying Horse (weil es damals billiger war als Red Bull) und lachten den ganzen Weg über. Unsere Art uns an einem Sonntagmittag zu zu dröhnen – mit einem Übermaß an Zucker, Koffein und Taurin.

 

All das bin ich. Hier komme ich her, hat mich geprägt und

zu dem Menschen gemacht, der ich für eine lange Zeit war.

 

Mein Blick sucht im Dunkeln die Häuser in Trier-Tarforst, die an der Wiese stehen, doch kann ich sie nicht erkennen, die Tennishalle versperrt den Weg.

Damals, Anfang der 80er, haben wir mit dem Kindergarten dort einmal Pizza im Steinofen gebacken, die war sehr lecker. Ich erinnere mich noch an den dünnen, knusprigen Teig.

 

Schon verrückt, an was man sich alles erinnert und wie genau wir diese Bilder, Gefühle, Gerüche abrufen können, wenn wir es wollen. Als würde es gerade jetzt und alles gleichzeitig geschehen.  

 

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