Auf zu neuen Ufern

Ich bin nun seit einem Jahr in Kiel. Ich habe lange durchgehalten, in einer Stadt, die kaum etwas zu bieten hat. Nach drei Jahren in Vancouver (Vancouver Teil 1, Teil 2, Teil 3) hat es jede andere Stadt natürlich auch schwer, das gebe ich zu.

 

Ich habe es wirklich versucht. Habe mich durch den schlimmsten Job, den ich je hatte gekämpft (Teil 1, Teil 2) und der Stadt eine Chance nach der anderen gegeben.

 

Ich habe viel Zeit mit meiner Schwester und meinen beiden Neffen verbracht im letzten Jahr. Daher genoss ich die Zeit mit ihnen sehr. Auch zwei wundervolle Freundinnen, Sophie und Lisa, die ich hier gefunden habe, machten das letzte Jahr um einiges erträglicher.

 

Naturdefizit

Ich könnte mit einem Mangel an kulinarischen und kulturellen Angeboten leben. Doch nachdem ich „Das letzte Kind im Wald“ von Richard Louv  gelesen habe, ist mir klar geworden, was mir hier am Meisten fehlt: Natur. Nah an wilder Natur sein.

 

Schlagartig wurde mir klar: Ich habe ein Naturdefizit seit ich in Kiel wohne!

 

Sehne mich nach Wäldern (hier gibt es nur Gehölze…) und Bergen, warmem Klima und kleinen Inseln im Meer.

 

Ich muss hier raus. Raus zu neuen Ufern der Vielfalt, der Individualität, der Weite, der wilden Natur. Ich vermisse es, bei einem Spaziergang durch den Wald immerzu achtsam und vorsichtig sein zu müssen, denn ein Bär oder ein Puma könnte sich in der Nähe aufhalten.

 

Es fällt mir an dieser Stelle schwer, keinen Flug nach Vancouver zu buchen und da einige Zeit zu verbringen.

 

Als ich vor über einem Jahr zurück nach Deutschland musste, gab ich mich geschlagen und sagte mir „ok, das ist ein Zeichen des Universums, dass du es unbedingt versuchen und Deutschland bzw. Europa eine Chance geben solltest“. Ich habe es versucht, liebes Kiel. Ich habe mittlerweile einen Punkt erreicht, an dem ich es fast hasse, hier zu wohnen. Das gilt leider auch für den Rest von Deutschland…wohin also?

 

Aus meinem Irland-Erlebnis letztes Jahr habe ich gelernt. Also werde ich mir ein paar europäische Länder genauer angucken und hinreisen (u.a. die Schweiz/Juli, Schweden/August, Norwegen/September und die Niederlande/Oktober) und mich dann entscheiden, wohin es dauerhaft geht. Ich halte euch auf dem Laufenden 😉

 

Jammern auf hohem Niveau

Jedes Land hat seine Vor- und Nachteile. Die Frage ist aber: Was ist mir persönlich wichtig?

In Deutschland habe ich 30 Tage bezahlten Urlaub und quasi eine unbegrenzte Anzahl an Krankheitstagen, an denen ich immer noch weiter bezahlt werde. In Kanada sind es nur 10 Tage bezahlter Urlaub und max. 3 bezahlte Tage, an denen ich krank sein darf.

 

Dafür sind die Menschen in Kanada positiver, freundlicher und hilfsbereiter. Der alltägliche Umgangston in Deutschland ist geprägt von Dauerbeschwerden und Grummeleien.

 

Es gab bereits viele Tage, an denen ich mir kanadische Arbeitsverhältnisse gewünscht habe, wenn wieder einmal 5-6 von 10 aus unserem Team sich krank gemeldet haben. Woche für Woche. Und immer noch das volle Gehalt bezahlt bekommen haben.

Und sich dann auch noch über die schwierigen Arbeitsbedingungen beschweren, die sie durch ihre ständigen Krankmeldungen mit verursacht haben.

 

„Jammern auf hohem Niveau“ denke ich dann immer. Und manchmal ertappe mich dabei, wie ich auch auf hohem Niveau jammere und ärgere mich dann über mich selbst. Denn so will ich nicht sein.

 

Deutsche, Europäerin oder Weltbürgerin?

Meine Familie ist früher jedes Jahr nach Südfrankreich in Urlaub gefahren. Ab und an auch mal nach Spanien. Kurzurlaube nach Holland, Belgien oder in den Schwarzwald waren

Einen Sommerurlaub verbrachten wir in Österreich. Nach einer Woche hatten meine Eltern die Nase voll von Bergen und Seen, wir packten unsere Sachen und fuhren nach…Südfrankreich.

 

Unsere Klassenfahrt in der 11. Klasse ging nach Italien.

 

Zum Tanken, Alkohol-, Zigaretten- und Kaffeekauf sind wir immer nach Luxemburg gefahren. Die Patentante meines Bruders wohnt in Frankreich, gleich hinter der luxemburgischen Grenze.

 

Fahrten nach bzw. durch Luxemburg haben in mir immer Urlaubsfeeling ausgelöst: Die Straßenlaternen im typischen gelb-orangen Licht Frankreichs, die Menüs vor den Restaurants auf französisch oder aber auch die Menschen, die beim Spaziergang um den Echternacher See luxemburgisch sprachen.

 

Abgesehen von den jährlichen Urlauben im Ausland, war es für mich immer ein integraler Bestandteil meines Alltags über Ländergrenzen hinauszufahren und andere Kulturen zu erleben.

 

Wir wurden irgendwann mal in der Schule gefragt, wie wir uns sehen. Als Deutsche, Europäer oder Weltenbürger?

 

Ich sagte damals: Europäerin.

 

Vermutlich durch die Nähe zur luxemburgischen (20 min), französischen (60 min) und belgischen (50 min) Grenze.

Die 6 Monate in Neuseeland und 3 Jahre in Kanada waren sehr intensiv und haben mich verändert.

 

Ich kann gar nicht mehr sagen, welchem Land ich mich zugehörig fühle.

Heute würde ich vermutlich sagen: Ich bin Weltbürgerin.

 

Wenn Träume den Weg weisen

Einige Wochen nachdem ich nach Kiel zog, hatte ich einen Traum:

 

Ich schwamm im Wasser, hinter mir der rote Backsteinhafen und ich fühlte mich wohl. Schwamm vergnügt auf die Meeresenge zu, hinter der sich der unendliche Ozean erstreckte. Unter mir in der Tiefe entdeckte ich plötzlich einen weißen Strom reißenden Wassers. Graue Wolken bedeckten plötzlich den Himmel, ein Sturm zog auf. Das Wasser wurde aufgewirbelt und ich hatte mit den immer höher werdenden Wellen zu kämpfen. Ich wusste, dass es nur zwei Möglichkeiten in dieser Situation gab: Entweder ich tauchte hinab in den weißen Strom, der mich auf das offene Meer treiben würde oder ich schwamm zurück ans rettende Ufer. Ich schwamm zurück. Meine Angst vor dem Unbekannten, den Gefahren und Risiken, die mich eventuell auf dem offenen Meer erwarten würden, überwältigte mich.

 

Dieser Traum war so intensiv, weil er mich in die Tiefen meines Unterbewusstseins geführt hat. Ich war noch nicht bereit, wieder hinaus in die Welt zu schwimmen und suchte Sicherheit.

 

Es ist nun ein Jahr später und ich bin bereit. Visualisiere ein Boot, in dem ich sitze. Ein Boot, das mir Halt gibt, wenn die Wellen höher schlagen. Ein Boot, in dem ich schlafen kann, wenn meine Arme müde sind vom Rudern. Das Boot ist meine Sicherheit, die ich brauche, um wieder los zu ziehen.

 

Wenn ich joggen gehe, laufe ich runter zum Wasser, schaue auf die Stelle, die zum offenen Meer führt und visualisiere, wie ich hinaus rudere.

Mit kräftigen Zügen, selbstbewusst und sicher, kämpferisch wie der Ritter der Schwerter, der mir im letzten Jahr in den Tarotkarten so oft den Weg gezeigt hat.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.